Druckschrift 
Wegmüssen : die Entsiedlung des Raumes Döllersheim (Niederösterreich) 1938 - 1942 ; volkskundliche Aspekte ; Begleitveröffentlichung zur Sonderausstellung im Schloßmuseum Gobelsburg ; mit einem Beitrag über Waldviertler Flur-, Siedlungs- und Hausformen von Ernst Pleßl und einer Beschreibung Waldviertler Hochzeitsbräuche von Adolfine Misar
Entstehung
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Vom Leben auf dem Dorf

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Das Herkommen der traditionellen Waldviertler Bräuche liegt einerseits im vor-wiegend katholisch ausgerichteten christlichen Bereich des sogenannten Kirchenjah-res, anderseits im durch die Wirtschaftsform geprägten bäuerlichen Jahreslauf.Kirchliche und weltliche Feste sind jedoch häufig miteinander verwoben. Kein lusti-ges Kirtagstreiben war früher vorstellbar ohne vorherigen Meßbesuch. Und selbstwirtschaftliche Interessen konnten mit religiösen eng verknüpft sein, denn als manzum Beispiel in Schweiggers am Gründonnerstag, der traditioneller Markttag war,die Gründonnerstagsliturgie von der Früh auf den Abend verlegte,

,, haben die Standl- Leute unheimlich geschimpft, wie in der Früh keine Messe mehr war,denn da haben sie schlagartig nur mehr die Hälfte der Leut' dagehabt.

Die Voraussetzungen für die Bräuche, wie sie noch Heinrich Rauscher in denzwanziger Jahren aufzeichnen konnte, und die auch noch die ArbeitsgemeinschaftWaldviertel" in den dreißiger Jahren vorgefunden hat, haben sich geändert. Der so-ziale Kontext, der früher zum Beispiel einen Zwang zum Kirchenbesuch bewirkt hat,oder der ökonomische Kontext, der Zugehörigen zu unterbäuerlichen Schichtenzum Beispiel mittels verschiedener Heischebräuche eine gewisse, wenn auch geringe,Einnahmequelle verschafft hat, hat heute in der früheren Form keine Bedeutungmehr. Freilich leben wir nun deshalb in den achtziger Jahren nicht in einem brauch-tümlichen Vakuum. Anstelle der alten Formen haben sich neue, den heutigen Milieu-zusammenhängen angepaßte entwickelt. Und damit sind wir wieder bei der eingangsaufgeworfenen Frage nach dem Wandel, nach der Herkunft der Innovationsimpulse,nach den heutigen Steuerungsfunktionen von Bräuchen.

Heinrich Rauscher liefert in seiner Waldviertler Volkskunde eine sehr kompletteBeschreibung des Waldviertler Jahreslaufes mit seinen aus dem Alltag herausragen-den Markierungspunkten, beginnend mit Neujahr, Dreikönig, Lichtmeẞ, Fasching,Karwoche, Ostern, 1. April, 1. Mai, Pfingsten, Fronleichnam, Sonnwend, über dieKirtage, verschiedene Heiligenfesttage( Marienfeiertage, Michaeli, Georgi, Martini,Barbara, Nikolaus, Thomas u.a.), bis zu Allerheiligen und Weihnachten.73 Von der,, Arbeitsgemeinschaft Waldviertel" hingegen sind nur spärlichste Mitteilungen zumBrauchleben im Entsiedlungsgebiet auf uns gekommen. Und was die Forschungenvom Herbst 1987 betrifft, so haben sie in Bezug auf das heute noch erinnerte Brauch-tum Glossar ::: zum Glossareintrag tum früherer Zeit ebenfalls erstaunlich wenige Resultate gezeigt. Dazu ist allerdingszu bemerken, daß dieser Aspekt des Fragenkataloges auch nur ganz nebenher gelau-fen ist, da diese Frage nicht im Zentrum der Erkenntnisziele dieser Aussiedler- For-schung stand. Bei genauerer Nachforschung wäre sicher noch so manches zu erfragengewesen. Immerhin ist es aber doch interessant, daß die meisten Gesprächspartnersowohl auf die Frage nach althergebrachten Bräuchen, als auch nach neuen Formenmeist bloẞ achselzuckend darauf verwiesen, daß ihnen zu diesem Thema nichts ein-fiele. Da es aber sehr wohl als Brauch anzusprechende Überlieferungsformen gabund gibt, liegt der Schluß nahe, daß die Dinge unter der akademischen Apostrophie-rung Brauch" einfach nicht bewußt sind und daher die Fragestellung anders, dasheißt konkreter, lauten müßte. Man macht dies und jenes einfach, feiert Feste unterbestimmten Ritualen, empfindet diese Verhaltensweisen aber nicht als etwas Beson-deres. Sie sind nicht bewußt und daher nicht präsent.

73 H. Rauscher, Volkskunde..., a.a.O., S. 60 77.