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Wegmüssen
3.6. Marterln, Bildsäulen, Wegkreuze
Niederösterreich ist eine an Bildstöcken, Wegkreuzen, Marterln und sonstigen Flur-denkmälern überaus reiche Landschaft. Sie wurde wissenschaftlich in dieser Hinsichtvorzüglich bearbeitet, 18 und neuerdings erfährt sie auch durch die amtliche Denk-malpflege besondere Aufmerksamkeit. 19
Blättert man den 1911 erschienenen 8. Band der Österreichischen Kunsttopogra-phie im Hinblick auf die Flurdenkmäler des Entsiedlungsgebietes durch, so stößtman auf eine unglaubliche Fülle von derartigen Kleindenkmälern, welche in derLandschaft markante Akzente gesetzt haben. Heute freilich bilden Bunkerbauten diebaulichen Akzente der Truppenübungsplatzlandschaft, da von den zahlreichenZeugnissen der Volksfrömmigkeit, wie von den Zeugnissen des dörflichen Kulturle-bens überhaupt, so gut wie nichts übriggeblieben ist.
Die Kunsttopographie gibt Auskunft über Anzahl und Gestalt der Denkmäler,sie schweigt allerdings zu der den Kulturhistoriker interessierenden Frage nach ihrerHerkunft und Funktion. In dieser Hinsicht ist auf dem Truppenübungsplatz heutewohl nicht mehr viel zu forschen. Die dinglichen Zeugnisse selbst sind verschwun-den, die Menschen, die sie geschaffen, benützt, mit Leben erfüllt haben, sind eben-falls verschwunden, dem interessierten Beobachter bleiben die wenigen erhaltenenBilder und die Erkenntnisse, die sich aus ihrer Betrachtung ziehen lassen.
Die vielfältige Welt der Marterln, Bildsäulen und Wegkreuze zeugt von den reli-giösen Bedürfnissen der Menschen, von ihren Ängsten, ihren Bitten, ihren Glaubens-vorstellungen. Man unterscheidet individuelle Anlässe zur Errichtung eines Flur-denkmals wie Erinnerungen an Unglücksfälle etwa bei der Arbeit, durch Blitzschlagund neuerdings durch den Verkehr. Manche wurden zur Abwehr drohender Gefah-ren errichtet, andere als Dank für erwiesene Hilfe. Zu den gemeinschaftlich beding-ten Motiven zählen geschichtliche Ereignisse wie Kriege. Besonders häufig sind imWaldviertel Steinkreuze, die an die Schwedenkriege erinnern, anderswo sind esDenkmäler, die das Gedächtnis an Einfälle der Türken, Franzosen und Preußen, aberauch an Bedrängnis durch Krankheit und andere Gefahren festhalten.
Ein Hinweis auf die Funktion ergibt sich oft schon aus der Lage eines Bildstocks,z.B. zur Absicherung gefährlicher Wegstellen, als Wegzeichen überhaupt, an Gabe-lungen, an Grenzen aller Art. Flurdenkmale werden häufig durch Bäume flankiert,oft wurden bei ihrer Errichtung die Bäume erst gesetzt. Bekrönungskreuze aus Steinoder Metall zieren viele Bildstöcke. Solche mit drei Querbalken sind oft in Bezugzur Heiligen Dreifaltigkeit zu sehen und sind meist Wetterkreuze, sogenannteSchauer- oder Hagelkreuze. Aber auch Kreuze mit zwei Querbalken können alsWetterkreuze dienen, sie finden sich jedoch meist auf Pestkreuzen. Der Begriff Mar-
18 Emil Schneeweis, Bildstöcke in Niederösterreich. Wien 1981.
19 Denkmalpflege in Niederösterreich, Band 2: Kleindenkmäler, Bildstöcke, Breitpfeiler,Grenzmarken, Heiligenfiguren, Kapellen, Kreuze, Marterl, Säulen. Herausgegeben vom Amtder Niederösterreichischen Landesregierung, Wien o.J.( 1987)