Druckschrift 
Wegmüssen : die Entsiedlung des Raumes Döllersheim (Niederösterreich) 1938 - 1942 ; volkskundliche Aspekte ; Begleitveröffentlichung zur Sonderausstellung im Schloßmuseum Gobelsburg ; mit einem Beitrag über Waldviertler Flur-, Siedlungs- und Hausformen von Ernst Pleßl und einer Beschreibung Waldviertler Hochzeitsbräuche von Adolfine Misar
Entstehung
Seite
23
Einzelbild herunterladen
 

3. Topographie des Entsiedlungsgebietes

3.1. Der Naturraum

3.1.1. Landschaft

Der heutige Truppenübungsplatz Allentsteig liegt im geographischen Dreieck zwi-schen den Städten Zwettl, Allentsteig und der Gemeinde Neupölla und damit ziem-lich genau im Zentrum des Waldviertels. Es handelt sich um einen Naturraum, dessenCharakter in Jahrtausenden geologischen Auf- und Umbaus und in etwa 900 Jahrenmenschlicher Gestaltungsarbeit geprägt worden ist. Seit nunmehr 50 Jahren erfährtdiese alte, gewachsene Bauernlandschaft eine beispiellose Veränderung. Kein Steinblieb auf dem anderen, die Fluren haben eine völlig neue Gestalt bekommen, undauch an den Wäldern sind große Veränderungen vorgenommen worden. Die Men-schen haben das Wegmüssen aus diesem Gebiet noch nicht verarbeitet, aber dieNatur ist bereits darübergewachsen.

Für eine kurze Beschreibung der gewissermaßen noch intakten, ungestörten Kul-turlandschaft des Waldviertels vor 1938 erscheint es zweckmäßig, die führendenGeographen und Landeskundler der Zeit zu Wort kommen zu lassen. Anton Becker,der damalige Leiter des Vereins für Landeskunde von Niederösterreich, publiziertein den Organen des Vereins in den dreißiger Jahren laufend Beiträge zur geographi-schen Heimatkunde.¹ Hugo Hassinger, Universitätsprofessor und damals einer derführenden Geographen Österreichs, 2 war 1935 Teilnehmer und Referent auf einerdreitägigen Studienfahrt Wiener und Prager Hochschullehrer³ durch das Waldviertelund das angrenzende Südböhmen. Diese Reise führte unter anderem auch über Rud-manns, Döllersheim, Flachau und Friedersbach, und in Zwettl hielt Hassinger

1 Anton Becker, Die Blocklandschaft des Waldviertels. In: Unsere Heimat, 7. Jg., 1934,S. 207 217. Anton Becker, Der Gföhler Wald. In: Jahrbuch für Landeskunde von Nieder-österreich. 26. Jg., 1936, S. 10- 24. Anton Becker, Das Waldviertel und seine Landschaft. In:Unsere Heimat, 11. Jg., 1938, S. 78- 85.

2 Hassinger war ab 1942 Leiter der Abteilung für geographische Landeskunde bei der Lan-deskundlichen Forschungsstelle, welche die Herausgabe eines Gauatlasses von Niederdonau"betrieb. Anton Becker gilt als der Initiator dieses landeskundlichen Kartenwerkes, dessen Ideeschon in den 20er Jahren entstand. Vgl. dazu: Erik Arnberger, Der Atlas von Niederösterreich( und Wien). Die Geschichte des Kartenwerkes und seine Bedeutung im Rahmen der öster-reichischen Landeskunde. In: Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich, Neue Folge53, 1987, S. 9- 12.

3 Neben Hassinger traten auf dieser Fahrt Hans Rupprich, Hans Hirsch, Karl Lechner,Anton Pfalz, Franz Beranek als Referenten auf. Adalbert Klaar besorgte die Führungen in sied-lungsgeographischer Hinsicht.