Roland Girtler
Randkulturen
1. Begriff„ ,, Randkultur“ – das Kriterium der UnanständigkeitDie folgende Darstellung bezieht sich auf Menschen, die in sogenanntenRandgruppen oder Randkulturen zu einem Tun miteinander verbundensind, das gemeiniglich vom„ braven Bürger“ als kriminell, lasterhaft,liederlich, pöbelhaft oder schlechthin als„ unanständig“ empfunden undbezeichnet wird. Ein solches Handeln der„ Unanständigkeit“ reicht vonder gegen die formalen Gesetze verstoßenen Aktivitäten kriminellerRandgruppen, wie der von Schmugglern und Wilderern, bis hin zu denLebensformen von Stadtstreichern, Sektierern und Fußballfans.
Der Ausdruck ,, Unanständigkeit“ erfaßt trefflich jene Handlungen, die zubegehen entweder mit Strafen oder bloß auch mit Miẞachtung bedroht sind,während ,, abweichendes Verhalten“, der übliche Ausdruck der Soziologie,oft einfach ignoriert wird. Ein Abweichler kann jeder sein, er muẞ des-wegen nicht ,, unanständig“ sein, wie zum Beispiel jemand, der mit demFahrrad gegen die Einbahn fährt.„ Abweichendes Handeln“ ist also einsehr allgemeiner Begriff und sagt meines Erachtens zu wenig aus.
Die Existenz von Randkulturen verweist auf die Buntheit menschlichenLebens und auch darauf, daß menschliche Gesellschaften nichts Einheit-liches sind. Diese bestehen aus einer Vielzahl von Gruppen, die alle ihreeigenen Kulturen mit speziellen Symbolen, wie einer Geheimsprache, undspezieller Rituale, wie Prozessionen oder Gesänge, besitzen.
Jede Gesellschaft besitzt eine Vielzahl von Nischen, in die Menschen sichzurückziehen und zurückgezogen haben, um gemeinsame Aktivitäten zuvollführen. Wo immer eine Gruppe von Menschen ein Stück gemeinsa-men Lebens geht, sie miteinander Schwierigkeiten meistert und vielleichtgemeinsame Feinde hat, da erwächst Kultur( vgl. Becker 1981, 72).Das Spektrum der Randkulturen ist also weit. Es gibt Randkulturen, diegegen gesetzliche Normen verstoßen, wie zum Beispiel Banden kühnerRäuber oder eifriger Schmuggler. Und solche, die bloß allgemeine Regelndes Anstands öffentlich verletzen, wie zum Beispiel jene freundlichenHerren, die auf öffentlichen Plätzen der Städte als sogenannte Sandler oder
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