Johann Verhovsek
,, Theoriendynamik" in der österreichischen
Volkskunde
Theorienlosigkeit als Eigenart?
Leopold Schmidt eröffnete seine Geschichte der österreichischen Volks-kunde mit einem interessanten Vergleich zwischen der deutschen undösterreichischen Fachtradition. Vorweg betonte er die„ ausgesprocheneSelbständigkeit und Eigenart"( Schmidt 1951, 5) der österreichischenVolkskunde, um dann auf den für ihn entscheidenden Unterschied hinzu-weisen. Demnach bilden„ reale Kenntnisbeiträge" wie Objektsamm- lungenund Beschreibungen den österreichischen Weg, während die Entwicklungabgeleiteter Theoreme für die deutsche Volkskunde charakteris- tisch sei.Aber:„ So mancher gewaltige Ausblick kann sich jedoch den größtentheoretischen Leistungen der deutschen Volkskunde ebenbürtig zur Seitestellen, und erscheint durch seine feste Verbindung mit jener Kenntnis derrealen Gegebenheiten nur um so beweiskräftiger"( Schmidt 1951, 6). Alszusätzlichen„ Eigenwuchs” der österreichischen Volkskunde erachteteSchmidt herzhafte Kenntnisnahme, innige Verbundenheit", wie auch„ bewußte Distanzhaltung" und den„ Willen zur ehrlichen Objektivität”( Schmidt 1951, 20).
An dieser Charakteristik einer nahezu ausschließlich datenlieferndenGrundwissenschaft scheint sich auch in den folgenden Jahrzehnten weniggeändert zu haben, folgt man der Einschätzung Olaf Bockhorns, der dieÖsterreichische Volkskunde bis zur Entwicklung neuerer Ansätze bei Hel-mut Paul Fielhauer in den 1970er Jahren als„ überwiegend problem- undtheorienlos" bezeichnete( Bockhorn 1987, 159).
Aber nicht nur in Österreich formulierte man Zweifel am theoreti-schen Gehalt volkskundlicher Forschungen: So diagnostizierte HermannBausinger nicht nur einen Mangel an ausformulierten Theorien, sonderneine ,, nachhaltige Aversion gegen jede theoretische Bemühung” als„ inhohem Maẞ symptomatisch"( Bausinger 1968/69, 55) für die Volkskundeam Ende der 1960er Jahre. Er sah die Gründe für dieses Theorienmanko vorallem in der„, Vielfalt volkskundlicher Materialien", die den theoretischen
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