Druckschrift 
Volkskunde in Österreich : Bausteine zu Geschichte, Methoden und Themenfeldern einer Ethnologia Austriaca
Entstehung
Seite
39
Einzelbild herunterladen
 

Herbert Nikitsch

Volkskunde in Österreich nach 1945¹

Die Vorstellung eines linearen wissenschaftlichen Fortschritts, derWissenschaftsgeschichte als die Geschichte berühmter Gelehrter undderen bleibender Erkenntnisse zu schreiben erlaubte, scheint auch involkskundlicher Historiographie in Mißkredit geraten zu sein. Konnteihr etwa noch Leopold Schmidt in seiner nicht weniger als ein halbesJahrtausend allmählichen Wachstums" überblickenden Geschichte derÖsterreichischen Volkskunde( Schmidt 1951a, 20) folgen, zielen neuereDarstellungen vorrangig auf die Brüche, Neben- und Sackgassen, auf dieNeuorientierungen in der Disziplin. Dies allerdings weniger aus wissen-schaftstheoretischen Überlegungen à la Thomas Kuhn; Pate steht eherdie Forderung nach fachinterner Vergangenheitsbewältigung, bei der dasBild einer kumulativen Entwicklung in der Volkskunde nicht verabschie-det wird, sondern nur die Perspektive wechselt: Aus der Geschichte der,, Wegbereiter" wird dann eine der Täter( eine andere Art des Respekts vorgroßen Namen), aus der geisteswissenschaftlichen Grundwissenschaft( Waehler 1947; Schmidt 1951a, 155) immerhin ein Brennpunkt gesell-schaftspolitischen Übels.

Die folgende Inventur der österreichischen Nachkriegsvolkskunde möchtediese Formen der Reverenz verweigern; und so auch nicht die persönlicheRolle einzelner Fachvertreter über Gebühr in den Vordergrund stellen- wenn auch mit Recht Wissenschaft als eine von individuellen und au-Berprofessionellen Faktoren wie gesellschaftlicher Herkunft, privatenWerthaltungen oder politischen Einstellungen ihrer Repräsentanten deter-minierte Veranstaltung begriffen werden kann( Mendelsohn 1977). Und sosehr auch für hiesige Verhältnisse jene fatale Kontinuität zu konstatierenist wie sie sich teils in der Rehabilitierung von NS- Karrieristen, teilsin Stereotypen hilfloser Vergangenheitsbewältigung und unbewußterAbwehrmechanismen( Emmerich 1971, 164) manifestiert hat solljene selbstgerechte und quasi- religiös( Jeggle 1988, 61) argumentie-

1 Der Beitrag ist in leicht veränderter Form bereits 2005 veröffentlicht worden( Petr Lozviun,Johannes Moser( Hg.), Probleme und Perspektiven der volkskundlich- kulturwissenschaftli-chen Fachgeschichtsschreibung, Dresden 2005, S.79-101)

39