103
Alte Möbel.
Von volkskünstlerischen Erzeugnissen des Münstertaleskommen zunächst die Möbel in Betracht, deren Verzierung hier wieanderwärts den einheimischen Künstlern ein weites Wirkungsfeld bot.
Außer dem bereits geschilderten Stubenschrank, der ja zumeistVintschgauer Arbeit ist, wurden Truhen, dieses altertümlichsteBauernmöbel, ferner Kleiderkasten, Ofenbänke, Betten,Sessel u. a. m. in verschiedener Holzziertechnik ausgeschmückt.
Eine der schönsten Truhen( 1753 dat.) befindet sich in Cierfs indem ehemaligen Haus des Münstertaler Geschlechtes Capol,
Sie ist oben und unten mit Flachschnitt verziert, während die Mittelfelder, die indie Truhenwand vertieft sind, durch einzelne mit Laubsäge geschnitzte und auf hellemGrund aufgesetzte dunkle Motive gebildet werden.( Taf. XXIV, Fig. 1 bis 3.) Diese Mittel-felder sind von Rundbogen( in Renaissancestil) überdacht, die von barocken Säulchengetragen werden. Durch diese Anordnung wird die Wirkung, der Verzierung bedeutendgehoben. Auch die Seitenteile der Truhe sind in gleicher Weise gearbeitet.( Taf. XXIV,Fig. 2 und 3.)
Die mannigfaltigen Schnitzornamente der geschilderten Truhe,die man im ersten Augenblick der Phantasie des Künstlers allein zu-schreibt, lassen sich bei näherer Betrachtung leicht als kleine Varianteneiniger in der europäischen Volkskunst typisch wiederkehrender undweitverbreiteter Motive erkennen. So finden wir hier zum Beispiel dasalte Renaissancemotiv der Blumenvase mit dreiteiliger Pflanze, wobeidie Vase selbst auch in Form eines Herzens stilisiert ist.( Taf. XXIV,Fig. 1.) Ein anderes mit Vorliebe verwendetes Motiv sind die paarigenTiere( meist Vögel und Hirsche) zu beiden Seiten einer Vase, einesBaumes oder Pflanzenornaments. Dieses Motiv, das in der Bauernkunst,insbesondere in den volkstümlichen Textilien, in den verschiedenstenKombinationen wiederkehrt, reicht, wie K. Spieß mehrfach nach-gewiesen hat, ¹) weit in die Antike zurück.
Ähnliche Motive finden wir auch auf anderen Münstertaler Möbeln,so zum Beispiel auf einer mit der Jahreszahl 1738 versehenen Truhein Cierfs( Taf. XXV, Fig. 3) und auf einem in Flachschnitt reich ge-schnitzten Schrank( dat. 1736) in der gleichen Ortschaft.( Taf. XXV,Fig. 2.) Außer den Möbeln, die in Flachschnitt gearbeitet sind undheute im Münstertal vorherrschen, trifft man noch ab und zu Möbeln,insbesondere Truhen, die in Einlegearbeit kunstvoll ausgeführt sind.( Taf. XXIV, Fig. 4.) Bekanntlich ist diese Technik während derRenaissance nach italienischem Muster in der Handwerkerkunst derAlpenländer vielfach geübt worden.
Ein weiteres Möbelstück, das zur Gemütlichkeit der Münster-taler wie überhaupt der Bündner Stube viel beiträgt, ist die Ofen-bank( kotsche), auf deren Herstellung früher viel Sorgfalt verwendet
1) Karl Spieß: Der Mythos als Grundlage der Bauernkunst. Programm des Staats-Obergymnasiums zu Wiener- Neustadt.
Karl Spieß: Rauschtrankbehälter. Mitteil. der Anthropolog. Gesellschaft. Wien 1914.