74
Glurns angetroffen habe, weist folgende charakteristischeMerkmale auf: 1)
Es setzt sich, wie das Engadiner Haus, aus drei Hauptgeschossen: demKeller, dem Wohngeschoß und dem Oberstock, zusammen.
Das alte typische Obervintschgauer Haus enthält nur einen in der Regel ander Traufseite zu ebener Erde angelegten Eingang für Menschen und Vieh,durch den man direkt in den Vorstall( im Obervintschgau, Hof", im Münstertal, court"genannt) eintritt. Von hier aus gelangt man sowohl in den Keller und in den Stall wieauch in das im ersten Stock gelegene Wohngeschoß, zu dem eine Steintreppe führt.( Taf. XVII; vergl. auch Taf. XV, Fig. 3.)
Das Wohngeschoß enthält einen kleinen Hausflur, eine Stube mit anschließender Neben-kammer, eine Küche, seltener eine Vorratskammer. Im Oberstock haust gewöhnlich eineandere Familie. Es kommt aber auch vor, daß die beiden Parteien nicht über-, sondernnebeneinander wohnen, und zwar nimmt jede die Längshälfte des Hauses in Anspruch.( Taf. XVII, Fig. I.)
In der Gegend von der Malser Heide findet man sogar drei bis vier Parteien ineinem Hause dicht nebeneinander. Nicht selten enthält hier das Haus nur eine gemein-same Küche mit zwei bis drei Herden.
Die mit dem Wohnhaus gewöhnlich unter einem Dach vereinigte Scheune istnach rückwärts verlegt oder seitlich angebaut.
Da das Wohngeschoß des Obervintschgauer Hauses meist im ersten Stock gelegenist, so fährt man in die Scheune direkt von der Straße und nicht, wie im Engadiner Haus,durch den Flur ein. Die geschilderte Obervintschgauer Hausform mit einem einzigenHauseingang, die ehemals die häufigste Form gewesen sein dürfte, erfuhr nun im Laufeder letzten Jahrzehnte insofern eine Änderung, als über der alten Haustür, die in denStall und Keller führt, eine zweite angebracht wurde, die direkt in den Flur des Wohn-geschosses geleitet und die man über eine Altane mit steinerner Freitreppe erreicht. DieseFreitreppe ist somit vielfach eine modernere Einrichtung; Häuser älteren Datums, dieeine Freitreppe seit ihrer Erbauung besitzen, kommen sowohl im Obervintschgau als auchim Münstertal nur selten vor.( Vergl. Fig. 5.)
3. u. 4. Zwischenformen des Engadiner und des Vintsch-gauer Hauses im Münstertal. Verteilung der einzelnen
Haustypen.
Das geschilderte Engadiner und Obervintschgauer Haus trifftman so ziemlich unverändert im Münstertal an. Daneben jedochfinden wir hier in überwiegender Mehrzahl solche Hausformen, diedurch lokale Abänderung des typischen Engadiner und Ober-vintschgauer Hauses entstanden sind, und Zwischenformen derbeiden oben erwähnten Typen darstellen.
Wie die flüchtige Schilderung des Engadiner Hauses ergebenhat, ist eines der charakteristischesten Merkmale dieses Hauses derübermäßig große Hausflur und die Anordnung der Wohn- und Vor-
1) Das Obervintschgauer Haus wurde bisher in der Fachliteratur nur wenig be-sprochen. Man findet einiges darüber bei:A. Dachler: Das Bauernhaus in Österreich- Ungarn und in seinen Grenzgebieten.Dresden 1906.
J. W. Deininger: Das Bauernhaus in Tirol und Vorarlberg.
F. Kaltenegger: Typen landwirtschaftlicher Bauten des bäuerlichen Grundbesitzesin Tirol und Vorarlberg. Wien 1878.
K. Rhamm: Beiträge zur germanisch- slawischen Altertumskunde. II. Abt., 1. Teil.