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Hochgebirgsvolk in Savoyen und Graubünden : ein Beitrag zur romanischen Volkskunde
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Wir können in Bezug auf die Gesamtanlage folgende 5 Haupt-typen im Münstertal unterscheiden:

1. Typisches Engadiner Haus.

2. Typisches Obervintschgauer Haus.

3. und 4. Zwei Zwischenformen, welche die Elemente sowohldes Engadiner wie auch des Obervintschgauer Hauses enthalten.5. Haustypus mit dem Zwischengeschoß.

Zunächst seien hier die charakteristischen Merkmale des Enga-diner und des Obervintschgauer Hauses kurz angeführt.

1. Engadiner Hausform.

Auf das Engadiner Haus, das in der Fachliteratur bereits vonverschiedenen Seiten besprochen wurde, ¹) soll hier nur insoweit ein-gegangen werden, als es auf das Münstertal Bezug hat.

Das typische alte Engadiner Haus, das in der Regel eine Giebelfrontbesitzt, setzt sich aus 3 Hauptgeschossen, dem Kellergeschoß, dem Wohn- unddem Oberstock, zusammen; das Keller- und das Wohngeschoß haben stets getrennteEingänge. Man gelangt in den im Erdgeschoß angelegten Wohnstock durch ein großesrundbogiges Haustor, zu dem eine etwas ansteigende gepflasterte Auffahrt, beziehungs-weise eine Brücke aus Holz führt.( Taf. XV, Fig. 1.) Das fast immer an der Giebel-seite angebrachte Haustor dient gleichzeitig zur Einfahrt in die mit dem Hause ver-bundene, nach rückwärts verlegte Scheune. Der Hausflur, gewöhnlich ein Eck flur( im Münstertal, pierten", im Unterengadin pierten" oder court", im Obergadin suler"genannt), erreicht, insbesondere im Oberengadin, ganz gewaltige Größe und nimmt zuweilendie Hälfte des Areals des Wohngeschosses ein; er ist gepflastert und häufig mit Kreuz-gewölbe überdeckt. Dieser weite Flur, der gewissermaßen das Herz des ganzen Hausesbildet, dient vor allem als Durchfahrt zur Scheune, ferner als Arbeits- und Gesellschafts-raum. Hier werden Wagen, Geschirre und allerlei Geräte aufbewahrt und im Sommerpflegt auch die Familie hier zu essen und auszuruhen.( Taf. XVI, Fig. 1b)

Zu einer Seite des Flurs liegen die Wohnräume in der üblichen Aufeinanderfolge:Stube, Küche, Vorratskammer( cheminada). Vom Flur aus führt eine Stiege in den Ober-stock, wo wir in alten Häusern neben einem geräumigen oberen Hausflur meist nur eineüber der Wohnstube gelegene Schlafkammer und zwei Vorratskammern finden. Ab undzu befindet sich über dem Gang noch eine schöne heizbare Stube( saletta).( Taf. XVI, Fig. I c.)Gleichfalls vom Hausflur des Wohngeschosses steigt man in das Kellergeschoß hinab,das einen großen Vorstall( court), zwei bis drei Keller und auf gleichem Niveau einenStall für Klein- und Großvieh enthält.( Taf. XVI, Fig. I a.) Das Engadiner Haus ist fastdurchwegs für eine Familie bestimmt; bewohnen es aber ausnahmsweise zwei Familien,so werden zu beiden Seiten des großen Flurs die Wohnungen symmetrisch angelegt.

2. Obervintschgauer Hausform.

Das altertümliche, wenig umgebaute Haus des Obervintschgaues,wie ich es noch ab und zu in Mals, Burgeis und insbesondere in

1) J. Hunziker: Das Schweizerhaus. III. Abschnitt. Aarau 1900.

C. Egger: Das Engadiner Haus. Jahrbuch des Schweizer. Alpenklubs. Jahrg. 35. 1900.E. Gladbach: Holzarchitektur der Schweiz.

C. Dorflein: Bauernhäuser in Graubünden. Deutsche Bauernzeitung. Jahrg. 1896.H. Jenny und B. Hartmann: Alte Bündner Bauweise und Volkskunst. Chur. 1914.