Druckschrift 
Kulturwissenschaftliche Beiträge zur Volkskunde von Montenegro, Albanien und Serbien : Ergebnisse einer Forschungsreise in den von den k. u. k. Truppen besetzten Gebieten ; Sommer 1916
Entstehung
Seite
167
Einzelbild herunterladen
 

V. ABSCHNITT.

Die bisherigen Leistungen der westlichen Zivilisation imBereiche der bodenständigen Daseinsformen.

Aufgaben und Aussichten für die Zukunft.

Überblicken wir schließlich das gewaltige Gebiet der Balkanhalb-insel, das von Montenegro, Albanien und Altserbien eingenommen wird,noch einmal von dem Gesichtspunkt aus, wie weit hier neuzeitlicheZivilisatorische Arbeit am alten Bestande schon eingesetzt hat,so zeigen sich nur vereinzelte kleine Flächen von fortgeschritteneremKulturleben im neuzeitlichen Sinne beherrscht. Eigentlich kommen hiefürnur Cetinje einerseits, Durazzo andererseits in Frage. In Podgorica undIpek ist die montenegrinische» westliche« Kolonisation kaum über dieAnsätze neuzeitlicher Einrichtungen hinausgekommen und selbst Mitrovica,das dem von Albanien kommenden Reisenden schon als eine Schöpfungwestlicher Zivilisation erscheint, ist im Grunde genommen über Anläufein dieser Richtung nicht hinausgelangt. Dagegen verfügen die bis zumBalkankriege der Türkei angehörigen Gebiete über eine, wenn auchim neuzeitlichen Sinne minderwertige, so doch genügend ausgebautewirtschaftliche und kulturelle Basis, um sie als eigenartige, in sichberuhende Wirtschaftskörper, nicht als gänzliches Neuland fürkolonisatorische Eingriffe des Westens gelten zu lassen. Stellenweisebekundet die einheimische Wirtschaft sogar recht vielversprechendeAnsätze.

Unfruchtbar und zu wirtschaftlicher Armut verurteilt sind dieKarstgebiete Montenegros und die Hochländer Nordalbaniens. Sie werdendauernd auf Zufuhr von außen angewiesen bleiben. Gleichfalls schwerzu erschließen ist das montenegrinische Waldgebiet, doch werden er-weiterte Möglichkeiten des Personen- und Lastenverkehres zweifelsohnegerade wegen seines Waldreichtums seine Eingliederung in ein größeresWirtschaftsgebiet zu einer immerhin dankbaren Aufgabe in der Zukunftmachen. Zugleich mit der Bodenarmut sind dies auch die passivstenGebiete, was die wirtschaftliche Arbeitsleistung der Bevölkerung betrifft,ja man kann sie in diesem Punkte sogar als besonders verrufenbezeichnen. Außer Zweifel steht, daß die Bevölkerung nirgends jeneGewöhnung an regelmäßige, von Tag zu Tag fortgesetzte Arbeit besitzt,die der zivilisierte Mitteleuropäer nachgerade als den natürlichen Daseins-zustand ansieht, der er aber, und dies sei nachdrücklich betont, imprimitiven Glossar ::: zum Glossareintrag primitiven Kulturleben nirgends ist.