1. Abhandlungen und grössere Mitteilungen.
Der heilige Mann der Niklai.
Neue Zeugnisse zur Geschichte des germanischen Glaubens und Kultes.Von Dr. Georg Graber, Klagenfurt.
Einleitung.
( Mit 1 Textabbildung.)
Inhaltsübersicht.
Die Sage vom heiligen Mann und der damit verbundene Kult.Kritik der Sage und des Brauches,
Kritik der Freysmythen mit Beziehung auf die Sage vom heiligen Mann.Anhaltspunkte für die Ermittlung der Herkunft von Sage und Brauch.Die Legende der heiligen Notburga verglichen mit der Sage vom
heiligen Mann.
Schluß Rückblick und Folgerungen.
Auf der Insel Seeland, wo wahrscheinlich das Heiligtum derNerthus lag, und in den fruchtbaren Gauen des südlichen Schwedenhat die Verehrung der ingwäonischen Stammgottheit bis in die erstenchristlichen Jahrhunderte fortgedauert. Allerdings tritt uns dietaciteische Nerthus im Norden überall als Mann entgegen, worausmit Recht gefolgert wird, daß schon bei den ungeteilten Ingwäonenauf der kimbrischen Halbinsel durch Spaltung der zwiegeschlechtigenUrgottheit mehrere Gestalten erwuchsen, zwischen welchen die volks-tümlichen Mythen, die die subjektive Phantasie einzelner Stämmeoder Dichter widerspiegeln, ein enges Verwandtschaftsverhältnis her-stellten. Njord und Nerthus, Freyr und Freyja sind vornehmlichWettergottheiten; sie spenden Sonnenschein, Wachstum und Wohl-stand, sie treten noch in jüngeren Sagen als Spender der Ernte unddes Friedens auf und genießen bei Völkern Ansehen und Verehrung,deren Existenz sich auf Ackerbau und Schiffahrt gründet. Es mußvon vornherein befremden, daß der Kult dieser Gottheiten in histo-rischer Zeit sich ausschließlich auf den germanischen Norden beschränkt,während ihr Name und Kult im Süden des germanischen Sprach-gebietes verschollen scheint. Und doch haben von den sieben bei Tacitusaufgezählten Stämmen der Nerthus- Amphiktyonie gerade die Angelnund Reudigner- Sachsen bei der Besetzung neuer Länder und derBildung neuer germanischer Staaten und Völker eine hervorragendeRolle gespielt. Besonders in der Geschichte der Sachsen tritt wieder-holt ein zähes Festhalten an alten religiösen Einrichtungen zutage,das entscheidend und folgenschwer auf ihr Geschick zurückwirkte,als sie durch Karl aus eben diesem Grunde mit Anwendung rück-sichtslosester Gewalt ihrer nationalen und religiösen Selbständigkeit
Zeitschrift für österr. Volkskunde. XIX.
10