Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde19 (1913) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
Jahrgang 
19 (1913) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
Einzelbild herunterladen
 

106

Schacherl.

Die Bäuerin, die» Große Dirn«, die» Kleine Dirn«( die zwei Dienst-mägde), die Ifrau«( Inwohnerin), die» Hüterin«( die Frau des imGemeindehaus wohnenden Dorfhirten) begeben sich aufs Flachsfeld,und es wird wochenlang» hoarg'jän«( Flachs gejätet). Jede Jäteringeht in einer»> Ohln<< und jätet einen Bifung, wobei sie stets ingleicher Frontreihe bleiben. Das Unkraut,» Drill«( Hederich) und Disteln,wird ausgerissen, in Büschel gebunden und dann entweder aufsteinige Wege zur Gangbarmachung für das Zugvieh geworfenoder die»> Ifrau« trägt sich's nach Hause, hackt die Wurzeln ab undverwendet es als Kuh- oder Ziegenfutter.

Es kommt Fronleichnam. Die vier Altäre beim feierlichenUmzug werden mit sprossenden Birkenbäumchen geschmückt, ja inmanchen Orten werden auch auf beiden Seiten des Weges, den dieProzession nimmt, Birken gesteckt. Beim Umzug am Sonntag nachFronleichnam werden jedoch statt der Birken Tannenbäumchen ver-wendet. Sobald der Fronleichnamszug vorüber ist, werden die Birken-bäumchen gestürmt. In jedes Haus will man einen Zweig bringen,er soll, unter das Dach gesteckt, vor Blitzgefahr schützen. Den längstenAst muß aber die Große Dirn am Fronleichnamstag nachmittags mittenin den Flachsacker stecken. So lange dieser Ast ist, so lange wirdder Flachs. Dann steckt die Große Dirn mitten am Flachsfeld

(» Hoarocker« Haaracker) quer über die Bifänge eine Reihe Birken-äste der Flachs wird gekrönt«.

Das Gedeihen des Flachses hat man übrigens schon längstvorhergesagt. Am Dreikönigsabend, nachdem sämtliche Türen mitgeweihter Kreide mit den Buchstaben K. M. B., drei Kreuzeln undder Jahreszahl geschmückt sind, wird mittels Tannenreisig das ganzeHaus innen und außen, besonders Vieh und Stall mit Weihwasserbesprengt. Dann geht man zum brennenden Herdfeuer, nimmt einTannenreisigästchen, mit dem man Weihwasser gesprengt hat, wirftes ins Feuer, spuckt dreimal, ohne dazwischen zu atmen, hinein undspricht:» Das is für'n Hoar.« Wenn dann das Feuer beim Ästchenrecht prasselt, gerät der Flachs gut, brennt aber das Feuer ruhig, isteine Mißernte zu erwarten. Die Buchstaben K. M. B. bleiben bisMaria Lichtmeß auf den Türen, dann müssen sie entfernt werden,sonst streiken die Hühner mit den Eiern. Und wie lange nun andiesem Lostage, Maria Lichtmeß, die Eiszapfen an den Dächern sind,so lange wird im laufenden Jahre der Flachs wachsen.

Der Flachs blüht bekanntlich blau und es ist herrlich, vor-mittags» das liebliche Pflänzchen der Mädchen zu schau'n«. Da derFlachs nur vormittags blüht, sagt der Böhmerwäldler, der» Hoar«blühe nur,so lange in der Kirche heilige Messen gelesen werden.Nach schon dreizehn Wochen nach der Saat ist beim Flachsdie Ernte. Er wird» gerauft«. Bifungweise wird der Flachs vonMännern und Frauen mit der Hand ausgerissen und durch geübten