Der Frauen Dreißiger.
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Beim katholischen Erntefeste prangen silberne Ährenbüschel oder mitÄhren umwundene Wachskerzen auf dem Hauptaltar.
Diese Ährenbüschel tragen im Oberdeutschen den Namen» Sangen«( spicae tostae), weil sie nach dem biblischen Vorbilde( Jos. 5, II. Ruth 2, 14, I. Samuel 17, 28) oberflächlich gesengteÄhren waren, die nach althergebrachtem Ritus durch Rösten oderSengen zu einer genießbaren Kultspeise gemacht wurden. SolcheÄhrenbüschel oder» Sangen« ¹) wurden zur kirchlichen Weihegebracht, beziehungsweise zur Erreichung von Fruchtbarkeit geopfert.Mit der Zeit erhielt die zehentpflichtige Herrschaft solche Sangenvon ihrem Gesinde überreicht, wofür dieses wieder von ihr Brot-spenden unter dem Namen» Sangen« erhielt. Neben diesemÄhrenbüschel, der zur kirchlichen Weihe gebracht wird, befindetsich nun fast immer auch ein Kräuterboschen mit dabei. Diese zurKräuterweihe am Maria Himmelfahrtstage dargebrachte» Würz-bürde« enthält im bayrischen Schwaben als typischen Bestandteildesselben immer noch einen Halm von jeder gebauten
Getreidesorte.
Die letzten Halme der Kornernte, in welchen die Vegetations-kraft gleichsam in der letzten und höchsten Potenz bewahrt ist undwelche man kniend unter Nennung der drei höchsten Namen mitder Linken abschnitt und deren Körner man zur glücklichen Fort-setzung der Fruchtbarkeit unter die neue Saat mengte, heißen in derSchweiz» Glücksgarben«<,» Glückshalme«< oder auch» Glückshempfela( Handvoll). Dreimal drei Ähren bildeteneinen solchen»> Weihsangen«. Am Lechrain wurde der» Sengel-büschel« oder Kräuterboschen, der am Maria Himmelfahrtstagekirchlich geweiht worden war, in der Christnacht nach den Rauch-nächten gesengt, geräuchert und zerbröckelt, wie das Korn aus demÄhrenbüschel, später auf das Saatfeld in die zuerst gepflügten Acker-furchen gestreut. Die nach dem gleichen Ritus wie die Kornähreneingetragenen Kräuter erhielten ebenfalls den altdeutschen NamenSangen oder auch den romanischen Namen Speik( spica); letztererName übertrug sich überhaupt im Gebirge auf viele wohlriechendeKräuter und Heilpflanzen, welche, wenn sie gegen Krankheitsdämonenoder Wettergeister wirksam sein sollten, nur im Frauen- Dreißigereingetragen sein mußten. Auch der wohlriechende Lavendel( Lavandula officinalis) oder die gallokeltische Saliunka( Valerianaceltica) erhielten deshalb auf kelto- romanischem Gebiete als Heil-oder Waschkraut den Namen» Speik«, der sich von dem Ähren-büschel, spica( daher spicarium der Speicher), auf sie übertrug.» Sangen« war also nicht bloß ein solcher Ährenbüschel aus derersten Kornernte genommen, sondern auch eine» Kräuterbürde«<,
1) Sangen
=
Ährenbüschel; englisch. dialekt, sangle=auch Krautbüschel, Mohnbüschel, Zwiebelbüschel,
=
Ährenbüschel, weiterhin