Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde18 (1912) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
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18 (1912) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Twardowski, der polnische Faust.

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Kaiser seinen Zauberer vermißt, dann ließ er den Knecht zu sichkommen und erkundigte sich nach dem Ausbleiben Vergils. DurchDrohungen wurde er zum Geständnis gezwungen, daß Vergil sichvor sieben Tagen in seine Burg begeben habe und seitdem nichtmehr gesehen worden sei. Der Kaiser ging nun mit seinem Gefolgenach der Burg und suchte so lange, bis er endlich im Keller dasmagische Grab des Zauberers fand. Der Kaiser erzürnte bei diesemAnblick und in dem Glauben, der Diener habe Vergil frevelhaftermordet, ließ er denselben auf der Stelle töten.» Und da sah undhörte man ein nacktes Kindlein dreimal um die Tonne laufen undrufen: Verflucht sei Tag und Stunde, daß Ihr hieher gekommen seid!Seitdem ward das Kind nicht mehr gesehen und Vergil blieb, wo

er war.<<

Die gegenseitige Einwirkung der Sagen sucht Herr Leppelmannhistorisch zu erklären.¹) Vergil der Zauberer ist der berühmterömische Dichter Publius Vergilius Maro( geboren 70 v. Ch.) Einigedunkle Stellen in seinen Gedichten riefen schon im Mittelalter dieAnsicht wach, daß ganz besondere Weisheit und Geheimlehre darinverborgen seien. Bald knüpften sich allerlei Sagen an den NamenVergils, die bis ins 12. Jahrhundert zurückgreifen und erst anfangsdes 16. Jahrhundertes in einem französischen Volksbuch gesammelt,erschienen. Die Zeit des Humanismus, die die Jugend nach Italien( besonders Padua) und Frankreich lockte, bewirkte es nun, daßVergil, der bereits im 15. Jahrhundert an der Krakauer Hochschuleerläutert wurde, nicht nur als Dichter, sondern auch als Zauberer inPolen bekannt wurde.

Daß Twardowski nur in Rom vom Teufel ergriffen werdenkonnte, deutet ebenfalls auf einen Einfluß von Italien hin. DieseTatsache läßt eine antirömische Tendenz vermuten, die in dendamaligen religiösen Verhältnissen Polens ihre Ursache hatte, 2)andererseits klingt sie aber an die Sage vom Papst Silvester II. an,der dem Vertrage gemäß nur in Jerusalem vom Teufel geholt werdenkonnte. Sorgsam hütete sich deshalb der Papst hinzugehen; als eraber einmal in Rom in einer Kirche, die den Namen>> Jerusalem«führte, eine Messe las, erkrankte er und wurde vom Teufel geholt.³)

Einen durchaus polnischen Charakter trägt die Erzählung vonder Befreiung Twardowskis durch Anstimmen des Marienliedes.Denn in Polen hat sich der Marienkultus von jeher einer besonderenBlüte erfreut. Die ältesten frommen Lieder, die im KlarissinnenklosterAltsoncz entstanden, dienten der Verehrung Marias. Unter ihnenerhielt weitaus die höchste Bedeutung der Hymnus von der Gottes-gebärerin, der Bogurodzica. Vom Kloster aus verbreitete sich das

1) W. Leppelmann, op. cit. S. 48.

2) W. Leppelmann, op. cit. S. 49.

3) Reichlin- Meldegg: Scheibles Kloster", Bd. XI, S. 300 und 536.