Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde16 (1910) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
Jahrgang 
16 (1910) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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1. Abhandlungen und grössere Mitteilungen.

Hausschmuck, Kreuze und Bildstöcke im Ultentale

( Südtirol).

Von phil. Oswald Menghin.

( Mit 6 Textabbildungen.)

I. Vorwort.

Die Volkskunde ist eine Wissenschaft, die den Kinderschuhennoch nicht recht entwachsen ist. Zwar sind einige einschlägigeGebiete, vor allem die Volkspoesie, aus anderen Interessen frühzeitigbegangen worden, daher wohl bebaut und sogar in einer schon fastunübersehbaren Literatur behandelt. Im allgemeinen krankt diesejunge Kunde aber noch sehr an üblem Dilettantismus, als dessenHauptingrediens die Systemlosigkeit anzusehen ist. Es genügt kaumfür den Anfang und ist doch nur eine schwache Leistung, einigetausend Sprüche von Marterln, Grabkreuzen, Totenbrettern, Votiv-tafeln, Wegkapellen, Kirchen und Häusern aus allen deutschen Landenzusammenzuraffen, wie es manche Forscher getan haben, oder eineebenso lückenhafte Sammlung volkstümlicher Darstellungen oderGegenstände jeder Art herzustellen, Arbeiten, denen, abgesehen vonallen sonstigen Ungenauigkeiten, schon deswegen nur beschränkterwissenschaftlicher Wert zukommen kann, weil sie die Möglichkeiteiner Statistik vollständig ausschließen. Denn es ist für die Bedeutungund Ausdeutung eines volkskundlichen Typs absolut nicht gleich-giltig, ob er sich in einem Gebiete einmal oder zehnmal oder hundert-mal findet.

Hingegen ist es schweiß- und wertvolle Arbeit, alle Grabsprücheoder alle Hausverse, alle bildlichen Darstellungen, seien es Marterlnoder Votivtafeln, Hausgemälde oder Schnitzereien, kurz, jeden Typvolkstümlichen Lebens in einem ethnologisch einheitlichen Gebietenach physischer Möglichkeit vollständig oder, wo dies in sich aus-geschlossen erscheint, wie bei Sagen, Märchen, Kinderreimen, Volks-liedern, in der höchsten erreichbaren Anzahl zu sammeln und zuverarbeiten, die gemeinsamen Charaktere, das Typische, herauszuhebenund, falls genügende Schwesterarbeiten vorliegen, mit den Vorkomm-nissen anderer Gegenden zu vergleichen. Nur auf der Unterlage vonin jeder Hinsicht systemvollen Aufnahmen ist der Ausbau unsererWissenschaft möglich.

Zeitschrift für österr. Volkskunde. XVI.

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