192
Kleine Mitteilungen.
Acht alte Krippenlieder aus Steiermark.
Von Oberlehrer Karl Reiterer, Trieben.
Als ich noch in Weißenbach bei Liezen Schulleiter war, unternahm ich am5. September 1905 eine Forschungsexkursion nach Mitterndorf an der Salzkammergutbahn.Dort traf ich zufällig den pensionierten Oberlehrer von Lassing, Herrn Josef Riezelmair,den ich ersuchte, er möge mir ein Paar seiner alten Krippenlieder, die er besitze, geben.Riezelmair hatte die Güte, mir acht Lieder samt Noten, in einer Broschüre vereinigt,einzuhändigen, auf dessen Titelblatt steht:„ Für Altertumsfreunde und Freunde des Volks-liedes vielleicht von Interesse, daher aufzubewahren. Weihnachtslieder mit Orgel- oderKlavierbegleitung. Gesammelt von Jos. Riezelmair, 1865. Anmerkung. Diese Lieder mußtenin der Pfarrkirche zu Lassing auf ausdrücklichen Befehl der Pfarrers noch in denSechzigerjahren dieses Jahrhundertes bei den Frühämtern an Sonntagen, bei Ämtern anWochentagen und bei gesungenen Litaneien, während der Weihnachtszeit in der Kirchegesungen werden."
"
Während meines dreiundzwanzigjährigen Aufenthaltes im Ennstale( seit 1886) istmir über die genannten und andere Krippenlieder sowie Volkslieder überhaupt folgendesbekannt geworden: Mein am 16. Jänner d. J. in Maitschern bei Wörschach verstorbenerFreund, Herr Gabriel Schally, Dampfsägebesitzer, erzählte mir, in früherer Zeit( 1850-70)habe es im Ennstalerischen förmliche Volkssängergesellschaften gegeben, von denen erzum Beispiel das Lied Nr. 3 gehört habe. In Pyhrn bei Liezen, wo Schally seinerzeit beimOfen" angestellt war, seien die Singer Hanna, der Stögsimerl Wastl, sein Weib Glossar ::: zum Glossareintrag Weib, die KafferAnnerl und der Keilmichel zu treffen gewesen. Beim bereits verstorbenen Johann BaptistSchmied, vulgo Grasberger Hans, dem im ganzen mittleren Ennstale von älteren Leutenbekannten Nikolospieler( siehe meine Publikation„ Nikolospieler“ in dieser Zeitschrift,Jahrg. 1898, S. 100), kamen die Pyhrner Sänger gerne zusammen. Schmied bewirtete die Sängermit rotem Schnaps, wie es Schally selbst sah. Anfangs, solange die Stimmung flau war,wurden geistliche Lieder gesungen, später wenn der„ Rote" seine Wirkung getan hattestimmte man auch weltliche Liedeln an: Almliedeln, sogenannte Lumpenliedel, war nichtheikel, wie's gesprochen wurde, wenn sich der Hans dabei nur unterhielt. In Liezen lebtnoch eine achtzigjährige Matrone, die Bindermeistersgattin Viktoria Mistelberger, welche1850 mit Paradiesspielen ging und auch Mitglied einer Sängergesellschaft in Alt- Irdningwar. Ich suchte die Viktoria Mistelberger seinerzeit auf und erfuhr, daß sie von denLiedern, die ich hiermit bringe, Nr. 2, 4, 5, 6 und 9 kennt. Letzteres Lied kannte aucheine meiner Chorsängerinnen in Donnersbachwald, wo ich von 1886 bis 1896 Lehrer undOrganist war. Es war dies die Wir in Frau Agnes Stock, die heute noch in Lassing beiLiezen lebt; ich traf sie im Vorjahre auf dem Bahnhofe in Selztal. Es ist dies jene AgnesStock, von der Dr. Pommer viele Lieder hat. Auch ich besaß von ihr Liederhandschriftenund überließ sie seinerzeit( 1895-96) dem Verein für österreichische Volkskunde in Wien.Nachdem Riezelmair sagt, daß die gebrachten Lieder auf„ Befehl des Pfarrers" inLassing gesungen werden mußten, so sei erwähnt, daß mir meine Frau Elise, eine Tochterdes Gastwirtes Johann Höpflinger in Donnersbachwald, erzählte, sie sei bereits als zehn-jähriges Mädchen unter einem gewissen Laresser, der von 1867 bis 1876 Schulmeister inDonnersbachwald war, Kirchensängerin gewesen. Damals fungierte in Donnersbachwaldals Pfarrer ein gewisser Pollay, der vor ein paar Jahren in Stephan ob Leoben starb.Dieser Pfarrer habe auch befohlen, echte Volkslieder in der Kirche zu Weihnachten,Ostern und Pfingsten zu singen, unter anderem den„ Hoitzerlg'song", ein Krippenlied,das die Strophe enthielt:
Geh,
du
nur, mei
Hoit- zerl
und b'sin dich nit
long, stich
°
a foast's Kit zerl und
brots in der Pfoň.