48 Mitteilungen aus dem Verein und dem Museum für österreichische Volkskunde.
Tätigkeitsbericht des Museums für österreichischeVolkskunde
für das Jahr 190 6.
Erstattet vom Museumsdirektor Dr. M. Haberlandt.
Angesichts des wahrhaft erschreckend raschen Verschwindens aller Zeugnisse alterSitte und Arbeit, alles urwüchsig volkstümlichen Lebens in unserem Vaterland erscheintes als die erste und dringendste Pflicht der Museumsleitungen, ihre ganze Kraft mehrals je der Bergung dieser Zeugnisse und nationalen Güter zu widmen. Mit dem gleichenEifer wie in den Vorjahren war ich denn auch im abgelaufenen Jahre bemüht, unseremMuseum eine große Zahl bemerkenswerter Bereicherungen seiner Bestände zuzuführen.ohne mich im geringsten durch den unerträglichen Platzmangel in unserem Museum' be-irren zu lassen. Ich war dabei bemüht, gewissenhafte Umschau in ganz Österreich zuhalten, wenngleich die beschränkten Gelegenheiten und vor allem die beschränkte Zeit,welche für eigene Aufsammlungen zur Verfügung stand, einer systematischen Ergänzungunserer Bestände in hohem Grade hinderlich waren. Nichtsdestoweniger betrug die Ver-mehrung unserer ethnographischen Hauptsammlung nicht weniger als 1291 Nummern,wovon freilich 329 Nummern auf Rechnung des Jahres 1907 gestellt werden müssen. Ichhebe daraus die zahlreichen Aufsammlungen aus dem Salzkammergut, aus der Um-gebung von Aussee, Gröbming, Mitterndorf, Laufen und anderen Gegenden, die wir durchHerrn Franz Schenner erhielten, hervor( 281 Nummern), die großen Töpfer ei- undKachelsammlungen, die wir gelegentlich der Versteigerungen der Sammlungenvon Walcher und † Friedrich Uhl erwarben und die durch eine munifizente Schen-kung unseres Heren Ausschußrates Alfred Walcher Ritter v. Molthein auf nichtweniger als 263 Stück gebracht wurde; ferner die oberösterreichischen Kollektionen ausdem Nachlaß des unvergeßlichen Andreas Reischek( 62 Nummern) und dem Besitzdes Magistratsrates L. Linsbauer( 29 Nummern), der diese interessante Sammlungunter dem Selbstkostenpreis in liebenswürdigster Weire dem Museum überließ. Aus Nieder-österreich bedachte uns wie im Vorjahr unser verehrtes Ausschußmitglied Herr RobertEder mit wertvollen Aufsammlungen der verschiedensten Art( zirka 50 Nummern), diezum größeren Teil als Geschenk, zum Teil leihweise überlassen wurden; aus Tirolerwarb ich drei größere Sammlungen und einige kleinere Sorten( zusammen 152 Stück);die Sammlung mährischer Stickereien erhielt ebenfalls einen beträchtlichen Zuwachsdurch Erwerbung prachtvoller hannakischer und slowakischer Arbeiten( 85 Nummern);ebenso wuchs die Sammlung dalmatinischer Kostümstücke und Stickereien um 19 er-lesene Stücke aus der Sammlung des Feldkuraten Josef Lukasek in Zara und desProfessors Vid Vuletić- Vukasovic in Ragusa, Hervorheben möchte ich noch die Ver-mehrung, welche unsere Sammlungen aus Galizien, dem Bojkengebiet und der Bukowinaerfahren haben, namentlich ist eine Sammlung vdn elf Modellen, die wir Herrn DoktorIwan Franko in Lemberg verdanken, von hohem Interesse.
Ich habe, um diese reichen, die meisten Volksgebiete Österreichs betreffendenVermehrungen der letzten Jahre zur Geltung zu bringen, im vergangenen Jahre einevöllige und umfassende Neuaufstellung unserés Museums durchgeführt die dritte seitseinem Bestande. Ein wachsendes und werdendes Museum darf eben nicht versteinern,sondern muß von Häutung zu Häutung entsprechend seinem raschen Wachstumsprozeßschreiten. Dabei ist mir die lähmende, unerträgliche Beschränktheit des zu Verfügungstehenden Raumes auf das peinlichste hinderlich gewesen. Wenn es trotzdem gelungen ist,mit Ausnahme unserer Textil- und Kostümsammlung das wichtigste und belangreichstebisher gesammelte Material in leidlicher Systematik vorzuführen, so bedeutet doch natur-