Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde12 (1906) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
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12 (1906) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Sprichwörter und sprichwörtliche Redensarten im Gottscheer Volksmunde. 139

sich aber durch treffende Kürze und schlagenden Witz aus. JederStand, alles Tun und Lassen wird witzig und spitzig bekrittelt undmit größter Offenheit beurteilt. Sie wohnen deshalb gern bei Ver-ständigen. Torheiten und Laster bekämpfen sie mit rücksichtsloserSchärfe und mit beißendem Spott. Meist zeigt es sich streng undernst belehrend, doch oft gebärdet es sich auch etwas naseweis undvorlaut. Bei Streit und Hader wird es nicht selten als letzter Trumpfausgespielt.

Den Sprichwörtern verwandt sind die sprichwörtlichen Redens-arten, gleichsam die Keime derselben. Oft sind sie schwer von-einander zu unterscheiden.

Es ist naturgemäß, daß der Größe eines Volkes, seiner Geschichteund seiner geistigen Begabung im allgemeinen auch der Schatz anSprichwörtern entspricht. Demnach ist bei dem kleinen GottscheerVölklein, das seit manchen Jahrhunderten, zwischen fremden Völkerneingeklemmt, ganz durch eigene Kraft sich erhalten hat, nicht zuerwarten, daß es sich mit seinem Sprichwörterschatze mit großenNationen messen könne. Und doch ist die Zahl der Sprichwörter undsprichwörtlichen Redensarten überraschend groß. Es ist mir aufeinem kleinen Gebiete und in kurzer Zeit gelungen, eine stattlicheAnzahl zu sammeln; sicher harren noch viele des Finders.

Im folgenden sei der größte Teil meiner Beute den Freundenalten Volkstumes mitgeteilt. Man wird darunter alten Bekannten be-gegnen( haben doch die Gottscheer manches mit ins Land gebracht!),aber das meiste ist bodenständig oder tritt uns wenigstens in eigen-artigem Gewande entgegen. Daß nicht jeder Spruch salonfähig ist,versteht sich von selbst. In Gottes freier Natur wachsen keine Treib-hauspflanzen.

I. Sprichwört e r.*)

1. Bu dr húnt vrissǝt, múß ar kûl.( Wo der Hund frißt, muß er bellen.)X 2. Biǝ dr uərbaitar, shó s biarkzaig.

( Wie der Arbeiter, so das Werkzeug.)3. Gait gót' s hashle, gait ar â's grashle.( Gibt Gott's Häslein, gibt er auch' sGräslein.)

4. Benn dr pattlar af's rósch kimmat,raitǝt ar pohent.

( Wenn der Bettler aufs Roß kommt,reitet er schnell.)

5. Von nuənint ischt gúǝt schießn, von KD 6baitn ischt gúǝt lúgn.

( Von der Nähe ist gut schießen, von derFerne ist gut lügen.)

6. Bill gótt a norra hubn, shó mochǝt aran auin monn z' a bipparǝ.( Will Gott einen Narren haben, somacht er einen alten MannWitwer.)

7.' s vuart traibat's hontbarch.

( Der Vorteil treibt das Handwerk.)

*) Zu den hier verwendeten Lautzeichen sei folgendes bemerkt:

ǝ( verkehrtes e) ist ein verkümmertes e.

sh=

stimmhaftes sch( ž).

V= W.

zum

ó bezeichnet einen zwischen ö und o liegenden, ú einen zwischen ü und u

liegenden Laut.

ist Zeichen der Länge. Es ist nur in wichtigeren Fällen gesetzt.