Zur Geschichte der Zillertaler Tracht.
7
angemacht, und mithin zu Haus selbe anwiderumm vortgelegt, thailsaber selbe gleichwohl widerumb, sobald sie aus der Kirchen kommen,zuruck ohne mindisten einschnüren unter das Mieder gesteckt«wurden. Ein solches Mieder konnte, den Berichten zufolge, aus den» Prämben« der Röcke gemacht werden und bestand»> in 1½ EllenTuech und dem Unterfutter«; der übliche Macherlohn sei 12 bis 15 kr.
gewesen.
Die Mieder bereiteten scheinbar das größte Ärgernis, weil darüberam meisten geschrieben worden ist. Nach» von alten Personen ein-geholten Erfahrungen sollen die Mieder vor 60 und 70 Jahren inZell vill länger dann dermahlen gewesen sein« und die kurzenMieder seien nur von den» unverschämbten Weibsbildern« eingeführtworden.
Kapeller malte die Zillertalerin, wie erwähnt, ohne Mieder, nurmit einem roten, unter den Rock, beziehungsweise die Schürzegebundenen und bis über die Brust reichenden weichen Brustfleck,unter dem ein etwas größerer schwarzer Fleck zu sehen ist; zwischendiesem und dem blauen Jäckchen sieht man einen schmalen Streifendes weißen Hemdes. Offenbar wurde das Mieder über diesen Brustlatzgetragen. Wenn die oben zitierte Angabe über den Spalt nicht dochetwas übertrieben ist, müßte der Brustfleck ziemlich schmal gewesensein. Der schwarze Stoff auf der Abbildung scheint das Goller*)zu sein; Schmeller erklärt( I., 893) das Goller als eine weibliche Hals-und Brustbekleidung, welche die von den größeren Kleidungsstücken( Hemd, Leibchen, Mieder) übrig bleibenden Blößen um Hals und Brustnachträglich verdeckt. Doch würde das, was er bei den Isarwinklerinnenals Goller bezeichnet( nach seiner Beschreibung dem Brustfleck ähn-lich), eher mit der Abbildung übereinstimmen, während wieder dieBeschreibungen in den Akten eher auf eine Ähnlichkeit mit demGoller im Oberinntal schließen lassen, das dort ein unter dem Miederliegender Latz sein soll, dessen Spitzen über den Miederrand hervor-ragen. Es heißt in dem Berichte des Pflegers zu Kropfsberg, daß dieGoller sehr schmal waren, in dem Berichte des Verwalters zu Stumm,daß die sogenannte und zur Ehrbarkeit höchst nothwendige Gollerumb den Hals herum zwey Zwerchfinger[ zwei Finger breit] hoch«waren und von nun an» wenigist fünf Finger hoch« sein müßten.
Soviel läßt sich aus den Akten an Kenntnis der Tracht schöpfen;über alles übrige geben die beigegebenen Abbildungen Aufschluß.
Wenn wir auch den damaligen Behörden mancherlei Über-triebenheiten zum Vorwurf machen können, so dürfte doch, wie die
*) Lentner gebraucht den Ausdruck, jedoch ohne ihn genauer zu erklären; derSprachgebrauch scheint hier nämlich in verschiedenen Teilen Tirols voneinander abzu-weichen. Überhaupt möchte ich bei dieser Gelegenheit bemerken, daß es im Interesse derVolkskunde und der Leser sehr vorteilhaft gewesen wäre, Lentners Arbeit sprachlich undtopographisch zu kommentieren und teilweise zu ergänzen, beziehungsweise richtigzu-stellen.( Ließ sich leider nicht durchführen. D. Red.)