Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde11 (1905) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
Jahrgang 
11 (1905) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
Einzelbild herunterladen
 

18

Franko.

Das ganze in Aussicht genommene Territorium wurde von derExpedition nicht gleichmäßig bereist. Uns den Verhältnissen undlokalen Gelegenheiten anpassend, verweilten wir in einzelnen Stationenbald kürzer, bald länger, um dann mehr oder weniger bedeutendeStrecken einfach zu durchfahren, nur hie und da interessantere Bauten( Kirchen, Häuser) oder Trachtentypen photographisch aufnehmend.Und zwar stellt sich die ganze Reise folgendermaßen dar. Als Aus-gangspunkt diente uns die kleine Eisenbahnstation der Przemyśl-Lupkover Bahn Ustryky( Ustrzyki), von wo wir nach dem etwa 20 kmentfernten Dorfe Mšanec( in der Volksaussprache Pšeneć) fuhren,Wo wir dem rutenischen Ortspfarrer Michael Zubryckyj, einemgeschätzten rutenischen Historiker und Ethnologen, ordentlichemMitglied des Ševčenko- Gesellschaft der Wissenschaften und gutemKenner des westlichen Bojkengebirges( auch selbst einem gebürtigenBojken), eine herzliche Aufnahme und intelligente, tätige Hilfe undFörderung fanden. Hier verweilten wir zehn Tage. Es zeigte sich,daß die Wahl von Mšanec als erster Arbeitsstation unserer Expeditionsehr glücklich war, da dieses Dorf in mancher Hinsicht exzeptionellgünstig situiert ist, eben was die Aufbewahrung altertümlicher Zügein der Kultur und Lebensart betrifft, und andererseits durch seineziemlich regen Handelsverbindungen mit den Huzulen nach Ostenund den Lemken nach Westen( durch einen merkwürdigen Handelmit lebenden Schafen) gleichsam eine Zwischenstation zwischen diesenbeiden Zweigen des rutenischen Volkes bildet, was auch in derlokalen Kultur seine Spuren zurückgelassen hat. Hier wurde auchder Grundstock der Kollektion bojkischer Gegenstände zusammen-gestellt, welche nunmehr das Eigentum des Museums für öster-reichische Volkskunde bilden und weiter unten etwas ausführlicherbeschrieben werden. Von Mšanec aus besuchten wir das benachbarteStädtchen Lutovyska, und zwar am Tage eines großen Viehmarktes( am 28. August), welcher aber infolge der langandauernden Dürre,des drohenden Futtermangels und des großen Preissturzes beimlebendigen Vieh ziemlich traurig verlief. Hier kauften wir einige zumVerkauf angebotene, im lokalen Geschmack verfertigte Waren sowieeine Anzahl eigentümlicher, von Bauernfrauen verfertigter Halsbinden,welche uns verschiedene Frauen geradewegs vom Halse feilgaben.

Die zweite größere Station war das etwa 30 km von Mšanecund etwa 20 km von Lutovyska entfernte, am San gelegeneDorf Dydiova, dessen Pfarrer, Ivan Kuziv, auch ein geschätzterEthnograph und guter Kenner der Bojken ist. Leider wurden wirdurch andauernd schlechtes Wetter verhindert, hier ebenso ausgiebigeStudien und Sammlungen zu machen wie in Mšanec. Trotzdemwurden auch hier Messungen vorgenommen und photographischeAufnahmen gemacht, Bauernhäuser besichtigt und im benachbartenLokotj auch einige Museumsgegenstände gekauft.