Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde7 (1901) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
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7 (1901) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Der Ursprung des Weltalls nach den Begriffen des kleinrussischen Volkes. 13

Der Ursprung des Weltalls nach den Begriffen deskleinrussischen Volkes*) in Oesterreich- Ungarn.Von Gregor Kupezanko, Wien.

Das in Oesterreich- Ungarn lebende kleinrussische Volk hatausserordentlich merkwürdige Begriffe von dem Ursprung des Weltalls.Das ist auch leicht erklärlich, denn es steht auf einer niedrigenCulturstufe und ist seinem Naturell nach sehr phantasiereich undabergläubisch.

Das Weltall, so sagt der Kleinrusse, besteht aus dem Himmelmit der Sonne, dem Monde und den Sternen und der Erde mit denBergen, Thälern, Gewässern, Menschen, Thieren, Gewächsen und allerleianderen Gegenständen auf der Oberfläche derselben.

Der Himmel ist ein riesig grosses, festes, blaufärbiges Gewölbe,an dessen unteren Rand die Erde mit ihren äusseren Rändern anstosst.Hinter dem Himmelsgewölbe befindet sich das Paradies, in welchemes sehr hell, warm und schön ist, und welches von Gott, Jesus Christus,der Muttergottes, den Heiligen, den Engeln und den Seelen der ver-storbenen rechtschaffenen Menschen bewohnt wird. Einmal im Jahre,und zwar am Ostersonntag, öffnet sich der Himmel, respective dasParadies, und bleibt drei Tage lang offen. Wer auf Erden innerhalb

*) Die Kleinrussen leben bekanntlich in Galizien, der Bukowina, dém nordöstlichenTheile Ungarns und im südwestlichen Theile Russlands. In Oesterreich- Ungarn zählen sievier Millionen Seelen, während sie in Russland etwa 25 Millionen Seelen stark sind.

Die Kleinrussen werden auch Rutenen genannt. Dieselben kennen jedoch diesenAusdruck nicht, indem sie sich in ihrer Sprache nie anders als Russki( d. h. Russen),Russyny( d. h. Russinen) oder Russnaky( d. h. Russnaken) nennen. Den ersten dieserdrei Namen gebrauchen die Kleinrussen in Russland, den zweiten die in Galizien undden dritten die in der Bukowina und in Ungarn.

Gleich dem Namen ist auch der Dialect, den die Kleinrussen in den genanntenLändern sprechen, nicht ein und derselbe. Auch sind die Trachten, die Bauarten derWohnhäuser, die Sitten und Gebräuche und die Anschauungen über dieses und jenes inden verschiedenen Gegenden der Kleinrussen mehr oder weniger verschieden. Dies rührtdaher, weil die Kleinrussen ziemlich grosse Landstrecken bewohnen und unter verschiedenenklimatischen, socialen, religiösen und culturellen Verhältnissen leben.

Das in der vorliegenden Skizze Gesagte bezieht sich hauptsächlich auf meineStammesgenossen und Landsleute, die Kleinrussen in der Bukowina, unter welchen ichgeboren bin, zwanzig Jahre lang gelebt und als Gymnasiast viel ethnographisches Materialgesammelt habe. Einen Theil dieses Materials publicirte ich im Jahre 1875 in einembesonderen Werkchen, welches von Seiner Majestät Kaiser Franz Josef 1. mit der mitdem Allerhöchsten Wahlspruche geschmückten goldenen Medaille ausgezeichnet wurde.

Vieles von dem in dieser Skizze Gesagten wurde mir von meinem gottseligen Vatererzählt. Derselbe war ein alter, sehr frommer Mann und von der Wahrheit des mirErzählten tief überzeugt. Meine gottselige Mutter dictirte mir sehr viele Beschwörungs-formeln gegen allerlei Krankheiten in die Feder, während meine ebenfalls gottseligeSchwester mir Volkslieder vorzusingen pflegte. Einen grossen Theil des von mir in meinerHeimat gesammelten ethnographischen Materials sandte ich an die kaiserliche Russischegeographische Gesellschaft, während ein Theil in meinem Besitz verblieb und einergehörigen Sichtung und Bearbeitung entgegenharrt.