Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde6 (1900) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
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6 (1900) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Literatur der österreichischen Volkskunde.

ein Redacteur nicht im Stande, nach den strengsten Grundsätzen in der Auswahl andRedigirung der einlaufenden Aufsätze vorzugehen. Er kann auch kaum die Volksüber-lieferungen, die ihm aus den verschiedensten Landschaften und von verschiedenen Nationenzukommen, auf ihre unverfälschte Wiedergabe hin prüfen. Er wird es verstehen, sich fürseine Zeitschrift den ernsten Geist echter Forschung und die richtige Grenze des gewähltenStoffkreises zu wahren( und dies war bei Herrn Dr. M. Haberlandt all die sechs Jahre überder Fall), für die Einzelheiten aber muss die Verantwortung den Mitarbeitern selbst über-lassen bleiben.

Warum ich das hier sage? Nicht nur weil ich gerne die sich bietende Gelegenheitbenütze, dies offen auszusprechen, sondern vor Allem deshalb, weil ich für meinen heutigenBeitrag eine Ausnahme mir erbitten und die Verantwortung von meinen Schultern aufdie des Herrn Redacteurs abwälzen muss. Denn wenn ich in der folgenden Besprechungnur warme Worte der Anerkennung und der Freude finde, so hat das nur Herr DoctorHaberlandt zu verantworten, der uns ein so schönes Buch geschenkt hat.

Die Cultur im Alltag ist ein Buch, das uns in ungewöhnlicher Form von ge-wöhnlichen Dingen erzählt. Die Culturelemente der Gegenwart, die unentbehrlichen Gegen-stände des stündlichen Gebrauches, die selbstverständlichen Erscheinungen des Alltagswerden hier einer graziösen geschichtlichen und philosophischen Betrachtung unterzogen.Was wir sonst kaum zu beachten pflegen, weil es uns immer und überall entgegentritt,die alltägliche Prosa erscheint hier verklärt im Lichte des geschichtlichen Wissens, einerfreundlichen, poesiedurchtränkten Weltanschauung; dem Geringsten wird Werth verliehendurch den Reiz der Behandlung. H. belehrt uns, ohne uns zu ermüden, denn er vermeidetjeden schweren gelehrten Apparat, jeden Ballast der Pedanterie. Man merkt nirgendsden Schweiss der Arbeit und doch schöpft H. überall aus dem tiefen Brunnen derGelehrsamkeit. Er macht praktische Vorschläge zur Aenderung und Besserung der Sitte,des Geschmackes, der Mode, ohne durch Tadelsucht oder Schulmeisterei den Leser zuverstimmen. Und Alles in einer durchaus fesselnden, anmuthenden, unterhaltendenDarstellung!

Wie klein ist doch in dem grossen Heere der gelehrten Schriftsteller deutscherNation der Bruchtheil jener, die beide Vorzüge: gründliches Wissen und schöne, lesbareDarstellung, miteinander zu verbinden verstehen. Wir von der gelehrten Zunft pflegen jaüberaus genau und gewissenhaft vorzugehen, unsere Behauptungen und Angaben sindgewöhnlich böchst zuverlässig, mit reichlichen Proben und Zahlen belegt und mit über-zeugenden Beweisen gestützt, aber dabei sind unsere Bücher und Abhandlungen so lang-weilig und farblos geschrieben, dass sie nur der kleine Kreis engster Fachgenossen ver-dauen kann. Den Damen vollends sind sie ein Buch mit sieben Siegeln. Wir würdenselbst unsere Frauen, Mütter oder Schwestern nicht dazu bringen, sie zu Ende zu lesen.Die Lecture von Haberlandt's Buch aber ist für jeden Gebildeten eine Quelle reinenGenusses. H. schreibt klar, verständlich, anregend. Sein Styl ist beweglich und reich anTönen. Jeder Aufsatz ist lichtvoll aufgebaut, künstlerisch abgerundet, fesselnd bis zumAbschluss. Darüber leicht hingestreut geistreiche Einfälle und schöne Sentenzen. H. verwirrtuns nicht mit ewigen Seitensprüngen, wie manche moderne nervöse Schriftsteller, erüberschüttet uns nicht mit einem Meer von Gelehrsamkeit, sondern gibt von seinem Wissensparsam und in guter Auswahl nur das, was zum Verständniss nothwendig ist.

Mit offenem Auge betrachtet H. die Culturerrungenschaften der Gegenwart. Ergemahnt uns, über den Tag und dessen Neuerungen nicht zu vergessen, dass wir Enkelder Vergangenheit sind. Ob nun vom Kartenspiel oder vom Kinderspielzeug die Rede ist,vom Zucker und der Cigarre, oder vom Ofen und dem Bade, vom Silber, vom Fahrrade,vom Feuerwerk, vom Thierschutz, von der Reclame oder vom Klatsch, alle Erscheinungendes Alltags rückt H. in grosse culturgeschichtliche Zusammenhänge, zeigt den Ursprung,die Geschichte des Werdens, des Wachsens und der Veränderungen, oft vom grauestenAlterthum herauf bis zum heutigen Tage.

Ein Aufsatz ist durch ein Bild angeregt worden: durch Böcklin's Todteninsel",einzelne durch Bücher, wie zum Beispiel die moderne Schriftwissenschaft durch Preyer's