Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde5 (1899) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
Jahrgang 
5 (1899) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Ethnologische und anthropologische Aufzeichnungen.

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der Oetzthaler Ache auf einer alten Schutthalde etwas höher als deruntere ebene Thalboden liegt, sehr selten ein Kropf vorkomme, ebensoauch auf den noch höher gelegenen Oetzerberghöfen, dass jedoch inden zwei nur eine halbe Stunde vom Dorfe entfernten, aber tiefer indem ebenen Thalboden gelegenen Weilern Oetzermühle und Habichendie Kröpfe sehr häufig, wahrhaft endemisch vorkommen, so dass daselten eine Person ohne Kropf zu sehen sei. Die Kinder bleiben ohneKropf bis zur Pubertät, dann fangen die Kröpfe an zu wachsen.

Ich besuchte mit Wundarzt Sales beide Weiler, um zu sehen,welche örtliche Ursachen dieser auffallenden Thatsache zugrundeliegen könnten, da doch sonst alle übrigen Einflüsse, Klima, Lebens-weise, Nahrung, Windstille, auch Wohlstand an allen drei Orten diegleichen sind.

Und in der That fand ich den Weiler Oetzermühle mitten insumpfigen Wiesen, offenbar den Resten des alten prähistorischenSeebodens, hart am Fusse der hohen, senkrecht aufsteigenden Fels-wände liegen und sah aus den feuchten Wiesen mehrere starkeQuellen wie kleine Bäche hervorbrechen, hier Sprünge genannt, aberdas Wasser war klar und frisch ohne jeden Beigeschmack, trotz derin nächster Nähe liegenden Misthaufen. Da konnte ich nicht mehr anschlechtes Wasser als Ursache des endemischen Kropfes denken, wohlaber desto mehr an Malaria.

In Oetzermühle zeigte mir mein Begleiter einen Cretin, AloisPichler, 37 Jahre alt, mit langsamer, lallender, kaum verständlicherSprache und blödem Gesichtsausdrucke, aber ohne Kropf, Körperlänge149 cm, Puls 76, Kopflänge 188 mm, Kopfbreite 168 mm, Index 85.6.Sein Vater war ebenfalls ohne Kropf, aber intelligent, die Mutter hatteeinen grossen Kropf und war geistig gesund.

Nach der Oetzermühle besuchten wir Habichen, das etwa dreiViertelstunden südwärts von Oetz liegt. Da musste ich auch denGedanken an Malaria ganz aufgeben, denn der kleine Weiler liegtmit seinen zerstreuten Gehöften malerisch auf mehreren etwa 30 bis40 m über der Thalsohle erhabenen Moränenhügeln, höher als dasDorf Oetz und scheinbar auch gesünder, und doch ist hier Alleskropfig und findet man nicht selten Cretins.

Wie können die Pathologen diese auffallende Verschiedenheitdes endemischen Kropfes und Cretinismus in den drei ganz naheaneinander gelegenen Ortschaften erklären?

Ich dachte zuerst in der Oetzermühle an schlechtes Trinkwasserund dann, nach eigener Prüfung des Wassers, an Sumpf- Malaria, undmusste nach der Prüfung der Lage von Habichen auch den Gedankenan Malaria ganz fahren lassen. Warum ist das grosse Dorf Oetz,welches zwischen diesen zwei Kropf- und Cretinherden liegt, fastganz kropffrei?!