Zur Volkskunde der Steiermark.
I I
Hie und da kommt es vor, dass das Kind die Ruthe küßen muss,mit der es Streiche erhalten hat.')
Heilsame und schädliche Pflanzen.
Teufelsabbiss( Scabiosa succisa), Getrautenblume und Hühnertodsind Zaubermittel, Wegerich( Wegetritt, Plumbago media) ist eine heil-kräftige Pflanze.
Vierblättrigen Klee finden bedeutet Glück.
Der moosartige, durch Insectenstich entstehende Auswuchs an derwilden Rose heißt Schlafrose und bringt Schlaf, wenn er in das Kopf-kissen gelegt wird.
Hauswurz( Sempervivum tectorum) auf dem Dache schützt vorBlitzschlag; daher findet man nicht selten diese Pflanze auf den Dächernder Bauernhäuser.
Mit den Fisolen( Bohnen) muss man schön umthun, denn keineFrucht hat unser Hergott so schwer erschaffen, als diese, weil er sichdabei die Zehennägel beschneiden musste.( Warum?)
-
Am Palmsonntag werden in den Kirchen Palmzweige( Palm-kazeln Kätzchen) d. s. Zweige von Salicineen und vom Wachholdergeweiht, nachhause getragen, hier wohl verwahrt, 2) gewöhnlich hinter einHeiligenbild oder den Spiegel gesteckt, wo auch die Ruthe für dieschlimmen Kinder ihren Platz hat. Bei heftigen Gewittern werdeneinzelne Stücke dieser Zweige in das Herdfeuer geworfen, um den Blitz-strahl vom Hause abzuhalten.
Ist das Jahr an Nüssen reich, kommen in demselben viele Knabenauf die Welt.
Aus der Thierwelt.
Raben und Krähen sind Unglücksboten; wenn sich viele dieserVögel zeigen, so bedeutet es Unglück.
Wenn man den Kuckuck schreien hört, so klimpere man mit demGelde in der Tasche, man wird dann das ganze Jahr Geld haben. Wennder Kuckuck ruft, so fragt man: wie viel Jahre werde ich noch leben?So viele, als er noch Rufe ausstößt.
Die Schwalben sind der Mutter Gottes geweiht; man soll sie nichttödten, ihre Nester nicht zerstören, sie nicht verjagen, das bringt Unglück.Schwalben bringen Glück dem Hause, an dem sie nisten.
¹) Diese Sitte ist alt und weitverbreitet( s. Jakob Grimm,« Reime aus dem Kinderleben>>in Wolfs Zeitschrift für Mythologie und Sittenkunde, II. 1-2; Rochholz,« die Ruthe küßen»in Pfeiffers« Germania», I. 134-155) Dazu füge ich eine Stelle aus Shakespeare, KönigRichard II, 4. Act, 2. Scene; der König bittet die Königin, sie möge seine Entsetzung mitResignation ertragen, und sich nach Frankreich in ein Kloster zurückziehen; sic erwidert ihmdarauf neben anderem:
und du willst wie Kinder
Die Strafe mild empfah'n, die Ruthe küßen,Und kriechen vor der Wuth mit schnöder Demut,
Da du ein Löw' bist und der Thiere Fürst?-
2) Hie und da werden besonders in den Gebirgsgegenden kleine Bäume hiezu ver-wendet, die dann zuhause unter dem Dache oder unter der« Gred», dem Dachvorsprung, unter-gebracht werden.