Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde2 (1896) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
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2 (1896) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Wichner.

stube steht, später entfernt und dieser Ofen durch wenig achtsame Dienst-boten vielfach beschädigt, während der Ofen in der guten Stube deszweiten Stockwerkes vorzüglich erhalten ist. Nur der Sandsteinsockelmusste vor nicht langer Zeit erneut werden.

Beide Öfen sind blau auf weiß glasiert. Jede der zahlreichenKacheln weist einfachen Bilderschmuck von nicht ungeschickter Hand imallegorisierenden Geschmacke der Zeit und einen Spruch.. meist zweigereimte Verse auf. Sämmtliche Sprüche weisen auf einen Dichter aus demVolke, dem es an Lebenserfahrung und selbst etwas classischer Bildungkeineswegs mangelte, der ein offenes Auge für alle Erscheinungen hatteund mit herzinniger Frömmigkeit alle Tugenden einte, die den Menschenzieren. So waren die Öfen den jeweiligen Besitzern und ihren Familieneine Schule der Lebensweisheit und den Kindern ein< wohlig warmes>>Bilderbuch, aus dem sich vieles lernen ließ, wie ich mich denn auch über-zeugte, dass die jetzigen Eigenthümer die meisten Sprüche auswendigwissen und sie bei schicklicher Gelegenheit stets im Munde führen.

Die Tradition, der in Sprache und Form etwas unbeholfene Dichtersei ein Kapuzinermönch gewesen, hat vieles für sich; denn diese Männer,die aus dem Volke stammen und mitten im Volke wirken, kennen derWelt Lauf und verfügen nicht nur über die oben erwähnten Eigenschaften,sondern auch zumeist über einen Humor, der in diesen Ofensprüchenwiederholt erfreulich zum Durchbruche kommt, und der in den Sprüchensich offenbarende Predigerton verweist auf die nämliche Quelle.

Ich habe im Sommer 1895 einen Theil des Getäfels, den bessererhaltenen Ofen und zwei einzelne Kacheln photographiert, sowie einediplomatische Abschrift der Sprüche besorgt und lasse selbe, soweit sielesbar sind, hier folgen. Im Cursivdrucke und in Klammern deute ich an,wie die Sprüche jeweils bildlich erläutert werden.

A. Der Ofen in der Wohnstube.

1.( Ein Maler sitzt an der Staffelei.)Des Pinsels zarte Züge

ziechen der Wahrheit und der Lüge.

2.( Moses mit dem Stabe bei der Schlangeam Kreuze.)

Fort du schwere seuche,

durch disen Anblick weiche.

3.( Eine Taube, vom Habicht verfolgt,fliegt in einen festen Thurm.)

Dises kerkers engen sitzt

von des raubers klauen schitzt.

4.( Wirtsstube, Gast am Tische, Kellnerinbringt einen Trunk.)

Auf einen guten SchmaußTrink noch die Flasche aus.

5.( Ein Engel, in den Lüften schwebend,bläst die Tuba.)

Ach schaff uns doch Ruh

und ruff uns frieden zu.

6.( Ein Mann steigt ins geöffnete Grab.)Der seinen Sinn nicht zäunen mag,der gräbt sich würklich selbst das grab.

7.( Ein Reiter lässt sein Pferd beschlagen.)Um den Riter sicher z' tragen,mus der schmid den Gaul beschlagen.

8.( Drei Männer auf dem sich drehendenGlücksrad; oben ein König mit Kroneund Reichsapfel.)

Bald bin ich dir bald jenem wohlgewogen,Heut bist du oben an, und Morgen schonbetrogen.

9.( Ein Schiff im bewegten Meere steuertdem Hafen su.)

Ruhe alldort

an dem Port.

10.( Ein Nachtwächter in der Gasse einer

Stadt.)

Bey der Nacht

Halt ich Wacht.