Volksnachbarliche Wechselseitigkeit.
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vorgeführten Beispiele zeigen, nur nebenbei, gelegenheitlich, während dieAnregung, die ich hier gegeben haben möchte, dahin zielt, diesemMomente eine ganz besondere, eine selbständige Aufmerksamkeit zuwidmen, die« volksnachbarliche Wechselseitigkeit» zu einemGegenstande speciellen Studiums zu machen.
In čechischer Sprache sind letzter Zeit zwei reich illustrierte Werkeerschienen, die an volksthümlicher Dichtung viel neues bringen. Daseine, die ethnographische Beschreibung des Hořitzer Bezirkes besprechenwir in dieser Zeitschrift( unten p. 31 f.), das andere beschäftigt sich mitden Holzbauten und ihrer Zimmereinrichtung in der Iser- Gegend desnordöstlichen Böhmen( Dřevěné stavby starobyle roubené a lidový ná-bytek, Prag, Šimáček 1895; 4., 25 S. und 36 Tafeln) und hat den aka-demischen Maler Jan Prousek in Turnau zum Verfasser und Zeichner.Auch im Hořitzer Werk wird S. 274-288 dieser Gegenstand behandelt;es bringt dabei Grundrisse, die bei Prousek leider fehlen. Erinnern wiruns dazu an das böhmische Dorf in der letzten Prager Ausstellung, undwir gewahren einen auffallenden Unterschied des böhmischen Bauernhofesund Wohnhauses im Innern des Landes und in den nördlichen an derdeutschen Sprachgrenze liegenden Gegenden. Herr Prousek schreibt nur:« Volksthümlich decorativ waren die früheren Bauten der böhmischenDörfer, und oft auch originell. Wenn sie auch nicht viel von ihren be-nachbarten deutschen Schwestern abweichen, so sind ihre Giebel oft reichgeschnitzt, während die Häuser der deutschen Gebirgsgegenden einfacher,aber wieder mit Farben angestrichen erscheinen. Vielleicht ließen sich erstdurch Vergleiche dieser Bauten aus anderen Gegenden und Ländernfestere Formen bestimmen». Ohne Frage, eine sehr richtige Bemerkung!
Denn es ist dies, wie nicht genug betont werden kann, ein Momentvon ebenso reicher Vielseitigkeit als von fruchtbarer, ich möchte sagen heil-samer Bedeutung. Ersteres, weil es sich nicht auf Sagen und Märchen,auf Lieder und Dichtungen, auf Volksspiele, auf Bauten und Ansiedlungenbeschränkt, sondern auf alles ausdehnt, was zum Volksleben gehört, aufSitten und Gebräuche, auf Trachten und Lebensgewohnheiten, selbst aufTauf- und Familiennamen. Man vergleiche z. B. in Böhmen, um vonLebenden zu schweigen, die deutschen Männer Kuranda, Makovička undŠuselka mit den čechoslawischen Choragen Jungmann, Strobach undBrauner! Von fruchtbarer und heilsamer Bedeutung aber wäre diesesThema, weil ihm, was ja unserem großen und schönen Österreich so be-sonders noththut, ein ausgleichender und versöhnender, ein völkerver-bindender Gedanke zugrunde liegt. Grundbedingung dabei wäre allerdings,dass der Forscher mit ungetrübter, parteilos prüfender Gerechtigkeit vor-gehe und sich nicht aus nationaler Voreingenommenheit von der Tendenzleiten lasse, dem eigenen Volksstamme so viel als möglich zu vindicieren,den anderen so wenig als möglich einzuräumen.
Frh. v. Helfert.