Ethnographische Chronik aus Österreich.
269
auf den Vorsegne- oder Tauftüchern sind meist in Crêmefarbe gehalten und zeigen an denEnden mit dunkelbrauner oder schwarzer Seide eingestickte Motive, unter welchen man auch demSchmetterling begegnet, und häufig auch monogrammartige Linienzüge, welche einer Entzifferungerfolgreichen Widerstand leisten. Bei den Wallachen sind diese Tücher vollkommen crêmefarbig.Die Motive sind durchwegs, mit Ausnahme des Schmetterlings, dem Pflanzenreiche entnommen.Eigenthümlich ist die durchgreifende Gitterung der Formen; Äpfel, Blüten, Herzen alles istgegittert; hier entdeckte man auch den Granatapfel.
Die übrigen Stämme Mährens schließen sich mehr den Čechen an; in der Umgebungvon Brünn findet man wunderschöne Weißstickereien und À- jour- Arbeiten, die überraschend inihrer höchst kunstfertigen Ausführung wirken. Im vorstehenden wurde nur auf die weiblicheTracht Rücksicht genommen, weil sich in ihr heute die entscheidenden Merkmale zeigen. An denTrachtstücken der Männer ist. es schon schwierigerund es bedarf oft einer genauen
kritischen Studie die Herkunft zu bestimmen. Auch da sind es wieder die Slowaken, welchesich ihre Eigenart in größerem Maße bewahrt haben, so dass man bei einiger Übung die Be-stimmung bis auf den Ort genau angeben kann. Auch sie tragen die charakteristischen Kragen-,Achsel- und Ärmelschluss- Borten und haben sonst gewisse typische Ornamente auf den Jackenaufgenäht, die aber bisher noch keinem speciellen Studium unterzogen wurden. Doch irrt mansich sehr, wenn man die Hosenfarbe als Merkmal aufstellen will; diese ist durchaus nicht be-stimmend. Man sieht bei den Slowaken genau so rothe Hosen als bei den Hannaken, bei denHannaken gelbe wie bei den Wallachen. Für letztere ist der Hakenstock im Gebirge ein gutesKennzeichen.
In Böhmen liegen scheinbar die Verhältnisse viel einfacher, und doch lassen sich hieran den weiblichen Handarbeiten derartige Merkmale feststellen, dass man ein Stück oft voll-kommen genau localisieren kann. Zum erstenmale ist auf der čechoslawischen Ausstellung Ge-legenheit geboten, im vergleichenden Studium durchgreifende Gesetze aufzustellen. Im Osten( Leitomisch und Hohenmauth) sind die Arbeiten mit rother Baumwolle, im Stilstich und Flachstichausgeführt, charakteristisch; auch Weißstickerei ist sehr verbreitet; andere Farben als Weiß undRoth wird man selten treffen. Neben den bereits für Wallachen und Hannaken typischen Apfel-und Herzmotiven, die übrigens im größten Theile von Böhmen auch auf den keramischen Er-zeugnissen und auf Möbeln zu finden sind, macht sich gerade im Bezirke von Leitomischl derDoppeladler außerordentlich bemerkbar: in den Stickereien weiß er sich aus den Herz- undApfelformen herauszubilden und sich derart im Leben und Weben der Bewohner einzunisten, dassselbst die Sessellehnen seine Form annehmen. Hie und da taucht in den Tüchern auch einanderer Vogel auf, einmal sogar ein Wickelkind in der Wiege. Ähnlich verhält es sich inNordböhmen, wo außerdem als typisch die in Piquetstich gearbeitete weiße Haube, in welcherregelmäßig Vogelfiguren erscheinen, zur Kenntnis zu nehmen ist. Ihr Verbreitungsgebiet dürfteaber kaum noch festgestellt sein. In den Bezirken Humpoletz und Pilgram sind die Wochenbett-vorhänge bemerkenswert: sie zeigen immer in dem gestickten Mittelstreifen, der lothrecht verläuft,eine oder mehrere Frauengestalten, recht naturalistisch ausgearbeitet, mit Körben an den Armen,in welchen sich die Gaben für die Wöchnerin befinden. Für dieselbe Gegend sind die Häubchenmit bunten, großen Glasperlen typisch, zu deren Schonung man noch ein schmuckloses, gazeartigesÜberhäubchen anlegt. Weiter nach Westen, in der sogenannten Blatter- Gegend, deren HauptorteSobieslau, Tabor und Nettolitz sind, tritt eine wesentlich andere Stickereiart auf, die an Feinheitund Farbenpracht wohl alle übrigen čechischen Arbeiten in den Hintergrund drängen dürfte. Siezeigt sich besonders an den Umhängetüchern und beschränkt sich da auf die untere Ecke; inreicher Fülle werden die bereits bekannten Pflanzenmotive ausgeschnitten und in Tüll ausgelegt,mit bunter Seide und bunten Perlen ausgestickt; in Sobieslau scheinen die Perlen zu fehlen.Gegen Pilsen zu nimmt der Farbenreichthum immer mehr ab, die Formen werden immer dichterund dichter ausgenäht, und schließlich bedeckt um Náchod bei Pilsen eine einzige rothe Flächeden Eckenausschnitt, in dem man nur bei aufmerksamer Betrachtung die einzelnen Formenverfolgen kann; für Pilsen treten als neues typisches Merkmal zwei sich am unteren Endekreuzende Wellenlinien von grüner oder grüngelber Farbe in diese rothe, massig gearbeitete Ecke ein.
Im Vorstehenden wurden in großen Umrissen die Hauptmerkmale für die einzelnenGegenden gegeben, wie sie sich auf dieser Ausstellung von selbst dem Beschauer aufdrängen.Alles andere an Trachtenstücken vorhandene scheint sich einer Localisierung nicht recht fügen zu