Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde1 (1895) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
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1 (1895) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Hauffen,

Die Geschichte Faust's wird vorwiegend benützt, um an ihm den typischenSünder zu demonstrieren, der sich aus Leichtsinn, um drückender Noth zuentgehen, dem Bösen ergibt, sich zum Bessern wendet, aber, von Eitelkeitund Begierde verführt, den guten Vorsatz nicht festhalten kann und inVerzweiflung endet.

Es ist symbolisch bedeutsam, dass die alten deutschen Volksschau-spiele, welche einst von lebendigen erwachsenen Menschen gespielt wurden,sich zu Puppenspielen verjüngt haben. Ohne die verheerenden Glaubens-kriege hätte sich aus diesen wild wachsenden Schößlingen, vom schöpfe- ·rischen Hauch der Renaissancebildung befruchtet und veredelt, ein herr-liches nationales Drama entwickeln können, wie dies in Spanien und inEngland geschah. In Deutschland waren diese Sprößlinge zum größtenTheile schon ausgerodet, verkümmert, verdorrt, zur Kinderei geworden,als im 18. Jahrhundert die Renaissancebildung in unseren Classikern ver-spätet auferstand. Doch noch als Puppenspiel regte das Volksdrama vomDoctor Faust Goethe zu seiner größten Dichtung an. Aber sonst hat diedeutsche Poesie bitter darunter zu leiden bis zum heutigen Tage, dass diegebildeten Kunstdichter keine volksthümlichen Spiele mehr vorfanden, andie sie schöpferisch anknüpfen konnten. Die Folge ist, dass unsere Dichtungzum größten Theile eine wurzellose Bildungsdichtung ist. Das gilt vonder humanistisch antikisirenden Weimarer Poesie und von der Romantiknicht minder als von der neuesten, modernsten Literatur. Auch diese istGelehrtendichtung, nur entspringt sie nicht humanistischer, sondern natur-wissenschaftlicher, psychologischer, philosophischer, sociologischer odersonstiger Gelehrsamkeit. Volksthümlich wird die Poesie nicht dadurch,dass sie das Volk darstellt, sondern dass sie im Volke wurzelt und lebt.Das« Käthchen von Heilbronn» ist volksthümlicher als die« Weber». Darumist es gut, die alten Spiele, die Reste des in seinen Keimen verschüttetendeutschen Volksdramas zu sammeln und zu bewahren, denn wenn diedeutsche Bühnendichtung jemals eine Erneuerung erleben soll, so wirdsie an diese Volksspiele anknüpfen müssen; denn alle lebendige Kunst-poesie ist immer nur veredelte Volksdichtung.

Bericht über die landschaftlichen Sammlungen deutscherVolksüberlieferungen.

Von Dr. A. Hauffen, Prag.

I.

Die Volkskunde, die es sich zur Aufgabe gesetzt hat, die äußerenErscheinungen, die Lebensweise, die Sprache, Sitte und Poesie einesVolkes zu sammeln, zu schildern, in ihren historischen Entwicklungenund ihren Beziehungen zu verwandten und fremden Stämmen zu verfolgen,ist in dieser abgerundeten, auf die Erforschung alles Volksmäßigen ge-richteten Thätigkeit eine verhältnismäßig junge Wissenschaft. Freilich im