Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde1 (1895) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
Jahrgang 
1 (1895) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
Einzelbild herunterladen
 

8

Kralik,

hergestellte. Aber selbst der Historiker kann kaum sagen, dass jenesweniger wahr und weniger wichtig sei, als das von ihm gesehene. Ja, derPhilosoph darf, seit dem berühmten Ausspruch des Aristoteles, die Dichtungund Sage sogar für wesentlicher und lehrreicher halten als die kritischeGeschichte. Nicht nur das, was wirklich geschehen und als solches vonder Kritik anerkannt ist, gehört zur Geschichte der Menschheit, sondernnoch vielmehr das, was die Menschen selber als geschehen geglaubt haben.Denn jenes bringt nur zufällige, äußerliche Ereignisse, dies aber eröffnetuns die Seele des Volkes selbst mit seinen Bestrebungen, Gefühlen, Ge-danken. Darum darf die Volkssage als etwas, das einmal wirklich geglaubtund gesagt wurde, selbst vom Historiker nicht ignoriert werden, dennschon der Glaube und die Überlieferung ist eine historische Thatsache.Einer der bedeutendsten lebenden Historiker( Die Geschichtswissenschaftin ihren Hauptrichtungen und Aufgaben kritisch erörtert von Dr. OttokarLorenz) hat bedauert, dass bei dem Fortschreiten der historischen Kritik inden Geschichtswerken bald nichts mehr von dem zu finden sein wird, wasals lebendige Überlieferung im Volk lebt und was ihm allein die Geschichtewissenswert macht, wenn es sich auch gerade nicht aus den Acten belegenlässt, ja wahrscheinlich oder gewiss sich nicht so ereignet hat.Aber mag¡ mmerhin der kritische Historiker Recht haben, nur dem aus gleichzeitigenProtokollen Belegten zu trauen, hier muss dann eben die Sagenkundeeintreten und das, was der Historiker ausgeschieden hat, für das Bewusst-sein und die Überlieferung des Volkes retten. Sie wird damit nichtnur die historische Neugierde nach Curiositäten menschlichen Irrglaubensbefriedigen, sondern sie wird dazu beitragen, die Psychologie des Volkeszu würdigen, sie wird durch Erhaltung und Pflege jener Elemente, diemit dem Phantasieleben zusammenhängen, die gesunde Harmonie allerVermögen der Volksseele bewahren, sie wird der nationalen Dichtung dengesündesten und classischen Boden bereiten, ja sie wird noch mehr alsdie historischen und politischen Wissenschaften jenes historische undstaatliche Bewusstsein tragen, ohne das kein Volk groß werden und großbleiben kann.

In diesem Sinne möchte ich hier zerstreute Materialien zu einerkünftigen umfassenden österreichischen Sagengeschichte zusammentragen,

Ursagen.

In der sogenannten Hagen'schen Chronik aus dem Ende des 14. Jahr-hunderts findet sich eine vollständige Urgeschichte von Österreich vonder Mitte des zweiten Jahrtausends vor unserer Aera bis auf Rüdiger vonBechlarn. Dass die Geschichte damit nichts zu thun haben kann, warvon jeher klar. Es fragt sich nur, ob auch die Volkskunde daraus keinenNutzen ziehen darf, ob das Ganze nur etwa die Erfindung eines einzelnengelehrten Fälschers ist. Dies ist wohl denkbar, aber nicht wahrscheinlich.Die größere Anzahl der Manuscripte spricht dagegen, noch mehr diebedeutenden Varianten, in verschiedenen Fassungen, lateinisch und deutsch.Man hat im 15. Jahrhundert fest daran geglaubt, so fest, dass KaiserFriedrich III. in Wiener- Neustadt die bekannte und berühmte Wappen-