Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde1 (1895) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
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1 (1895) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Das Volksmäßige und die Gegenwart.

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das Beharren dabei predigen und es dadurch an der Ergreifung lohnendererBeschäftigungszweige hindern, so ermuntern wir es zu Dingen, die es inseiner Armuth und wirtschaftlichen Abhängigkeit dauernd erhalten sollen.Einem so verantwortungsvollen Gebahren wird unser Verein grundsätzlichallezeit ferne stehen müssen.

Noch weniger aber denken wir daran, den unvermeidlichen Processder allmählichen Enteignung des Landvolkes von der Tradition künstlichzu beschleunigen. Es hieße nicht bloß wider unser eigenes Interesseder bewundernden Freude der Städter am Volksmäßigen sündigen, eshieße vielmehr geradezu in den entgegengesetzten Fehler verfallen, wennwir gewaltsam Altäre stürzen wollten, die dem Landvolke heute glück-licherweise noch als solche gelten.

Ja, es gibt sogar gewisse Bestrebungen nach Conservierung des Volks-mäßigen in lebendigem Gebrauche, die der Allgewalt des Naturlaufs nichtstracks widerstreiten, und die sich daher auch unseres Beifalls werdenerfreuen dürfen. Solche unterstützungswürdige Bestrebungen erkennenwir z. B. darin, wenn man sich in den tirolischen Hochthälern bemühtzeigt, die altererbten Volkstrachten vor dem Untergange zu bewahren;oder wenn man seine Theilnahme den Passionsspielen zuwendet, für derenwahrhaft ergreifende Darstellung nur mehr die zugleich echte und naivereligiöse Empfindung des Landvolkes auszureichen scheint; oder wenn mandie rutenischen Bauern aneifert, sich den farbenfrohen Luxus ihrer gobelin-gewebten Bettdecken und Banklaken nicht abzugewöhnen u. s. w.

Wir glauben also mit unseren Anschauungen darüber, wie wir esmit dem Verhältnisse des Volksmäßigen zur lebendigen Gegenwart zuhalten gedenken, nicht missverstanden werden zu können: keine künst-liche Stauung dort, wo sich dieselbe naturnothwendig nur rächen müsste,zum Schaden des Landvolks, dem wir mit unserem doch so wohlgemeintenSchutze zu nützen glaubten! Aber auch keine Beschleunigung der Zer-störung, kein Vorschubleisten dem Processe, bei dem uns ohnehin mehrdas Verfallende als das Künftige, das Werdende am Herzen liegt; ja selbstbesonnenes Aufhalten auf solchen Gebieten, auf denen es ohne Wagnisgeschehen kann!

Zur österreichischen Sagengeschichte.

Von Dr. Richard v. Kralik, Wien.I.

Zu den Idealen, die eine auf die Volkskunde gerichtete Arbeit an-zustreben hat, scheint mir eine österreichische Sagengeschichte zu gehören.Dies ist nämlich das Gebiet, wo die Phantasie, die Aufnahmsfähigkeit unddie Stellung des Volksgeistes zu den höchsten Interessen der nationalenDichtung, zur Geschichtsauffassung und zum staatlichen Leben unmittelbarzum Ausdruck kommt. Bekanntlich ist das Bild, das sich das Volk imweitesten Sinn über die Vergangenheit, über die leitenden Mächte derGeschichte und Politik macht, ein ganz anderes, als das von der Historie