Abhandlungen und kleinere Mitteilungen.
Tattermann und Brunnentürke.
Von Felix Günther, Markleeberg b. Leipzig.( Mit 6 Abbildungen.)
In seiner 1926 in Heft 4 und 5 der„ Wiener Zeitschrift fürVolkskunde" erschienenen aufschlußreichen Arbeit„ Der Tattermann"leitet Alfred Webinger das Wort Tattermann ab von mhd.tatteren im Sinne von zittern und kommt am Ende seiner Unter-suchung zu dem Ergebnis, der Tattermann sei von Haus aus ein Krank-heitsdämon des Schüttelfroſtes und der Idiotie, ein nicht gern_ge=sehener, aber sehr oft vorkommender Hausgeist. Durch das Christen-tum sei er nachträglich zum lächerlichen Schreckgespenst gestempeltworden. Als Verwandter des Bußemanns, des Samson und des Tata-lota reiche er in der Gestalt von Kinderpuppen, als Vogelscheuche undDachgiebelfigur, als Lattermannpopanz beim Frühlingsfest undschließlich als Brunnenſtockfraße in die Gegenwart hinein.
Sind nach We binger die ostmärkischen Brunnenfraßen schlecht-hin als Tattermänner anzusprechen, dann muß auch der nicht besondersgenannte ostmärkische Brunnentürke als Latterman gelten. Ichfand diesen Schluß in Oberkärnten bestätigt. Daraus ergibt sich alsFolgerung, daß die obige Definition des Begriffes Tattermann sichauch auf die Brunnentürken bezieht.
Die Entdeckung eines von seinen Artgenossen auffällig verschie=denen Türken" auf dem Rannerhofe zu Radlach in Oberkärnten gibtVeranlaffung, auf Webingers Untersuchungsergebniſſe zurückzu-kommen.
Zweifellos reicht, wie auch Webinger betont, die Idee desTattermanns in die mythologische Vorstellungswelt des Urgermanen-tums zurück. Anscheinend sind nachträglich zwei„ Hausgeister",und zwar zwei ganz verschiedene Krankheitsdämonen, der des Schüttel-frostes( Fiebers?) und der der Idiotie, mit dem gleichen Worte„ Tattermann“ bezeichnet worden. Unglücklicherweise hatte das gleicheSchicksal noch ein anderer Hausgeift, der Brunnengeist; and der-aus haben sich Konsequenzen ergeben, die unhaltbar sind. RachWebingers Definition müßte der Brunnengeiſt ein ebenso unwill-kommener Hausgenosse gewesen sein, wie die oben genannten„ Krank-heitsdämonen" und der„ Tannawascht". Das widerspräche aber denTatsachen. In Wirklichkeit war nach altgermanischer Auffassung derBrunnengeist der immer heitere, immer wachsame, immer segenspendendeund darum verehrte Freund des Hauses und seiner Bewohner, ohne deneine germanische Hofanlage überhaupt nicht denkbar war. Verließ derBrunnengeist das Gehöft, d. h. versiegte der Brunnen, dann fehlte dasLebenselement für Mensch und Tier; dann mußte der Hof breiss-gegeben werden. Der Brunnengeift wachte und„ tatterte“, d. h.