Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde44 (1939) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde

  
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44 (1939) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde
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lichen Herzen, der selber Witwer war und für seine vielen Kindereine Mutter brauchte. Wieder kam sie in ein Nachbardorf, nachGestitsch. Das ist ein Dorf, das in seiner Lage und seinen MenschenGánt nicht unähnlich ist. Jetzt durfte sie an den fremden Kindernihre ganze reiche Mütterlichkeit entfalten und als sie dann auchnoch selber zwei Mädchen geboren hatte, war das Glück auch einwenig zu ihr gekommen. Diese zwei Jüngsten sind nun auch schonverheiratet und haben auch selber wieder Kinder. Die Lisi hat mitdem Namen der Mutter auch ihr ganzes Wesen geerbt, sie ist einkreuzbraves, arbeitsames junges Weib Glossar ::: zum Glossareintrag  Weib.

Die Ahnl hat es an ihrem Lebensabend nicht so gut, wie sie esverdiente. Wohl ist sie Frau und Mutter der geachtetsten Bauernim Dorf, aber die Schnur, die Frau des Sohnes, der daheim ge-blieben ist, hat eine hastige, lieblose Art. Sie gönnt der Alten keingutes Wort und zankt grundlos mit der fünfjährigen Mirdi und dieseVerletzung des geliebten Enkelkindes trifft die Ahnl schwerer, alswenn es sie selber angeht. Sie wartet sehnsüchtig auf den Sommer,daß sie auf dem Felde arbeiten kann und nicht immer das Gezänkeder Jungen anhören muß.

Das ist mit kurzen Worten das Leben eines Menschen, das sichin nichts von dem anderer unterscheidet, höchstens darin, daß ihrdas Schicksal ganz besonders viel Not und Leid zugemutet hat.Trotzdem ist die Ahnl nicht verbittert. Ihre Augen blicken so braunund treuherzig in die Welt, daß es einem warm ums Herz wird,wenn man sie anschaut. Alter und Not haben tiefe Furchen in ihrGesicht gezeichnet, aber um ihren Mund spielt oft ein kleines feinesLächeln. Wenn sie erzählt, kann sie von innen heraus lachen, daßjedes Fältchen Fröhlichkeit strahlt. Ich habe einmal zugesehen, wiedie Ahnl der kleinen Mirdi ganz weich und leise über den Scheitelstrich, ich habe mich damals gefreut über so viel Güte und Mütter-lichkeit( Abb. 2-3).

Sie ist alles andere als eine tatenlose Träumerin. Ihr ganzesLeben war Mühe und Arbeit und auch heute kann sie nicht ruhen.Sie sagte einmal: Wenn ich nimmer arbeiten kann, will ich sterben.Denn dann bin ich ja zu nichts mehr nutz."

Ich war damals durch einen glücklichen Zufall gerade in dasHaus der Lisibasl geraten. Erst später hörte ich, daß die Muttermeiner jungen Bäuerin eine im ganzen Dorfe geschätzte Erzählerinwar. Ich hatte es beim Märchenaufzeichnen nicht immer so leicht