Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde44 (1939) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde

  
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44 (1939) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde
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beliebigen Erzählungen, sondern eben Märchen erzählen. DasMärchen nimmt einen umso breiteren Raum innerhalb des gesamtenErzählgutes eines Dorfes ein, je ursprünglicher dieses in seinerArtung ist. Daneben gibt es natürlich auch noch anderes Erzählgut,aber das Märchen hat eine hervorragende Rolle. Es erzählen nichtnur Handwerker und Kleinhäusler, sondern auch angesehene Bauern.Ja das ist das Ursprüngliche. Diese Erzähler werden überall gernegesehen und ihr Haus ist oft der geistige Mittelpunkt des Dorfes.An langen Winterabenden kommen auch 30, 40 Leute bei ihnen zu-sammen und hören ihnen zu, wie sie erzählen. Der Valentin S. ausJáko im Bakonyerwald sammelte bis zum vorigen Jahr die ganzeNachbarschaft in seinem Haus und erzählte im Winter Abend fürAbend. Oft wurde es Mitternacht, bis sich seine Zuhörer verliefen.Letzten Winter freilich gab er schweren Herzens dem Drängenseiner Frau nach und machte Schluß mit dem Erzählen, weil erdabei so viel Petroleum verbrannte. Wirtschaftskrise! Andere abersehen es noch immer gerne, wenn die Nachbarn zu ihnen kommen.Das Märchenerzählen befriedigt alle geistigen Bedürfnisse. DieMärchenerzähler sind im ganzen Dorfe geschätzt und geachtet. Indiesen Dörfern sind deutsche Menschen eingebettet in fremdesVolkstum, gleichsam abgeriegelt von allen fremden Einflüssen.Darum halten sie treu und beharrlich an ihrem alten Überlieferungs-gut fest.

Je näher die Dörfer aber an die Städte oder an die großen Ver-kehrslinien heranrücken, desto uneinheitlicher und zerrissener wirdihr gesamtes Gepräge und desto mehr verzichten sie auch auf dieererbten Überlieferungsschätze. In dem Maße, in dem die Einflüsseaus der Stadt vordringen, schwindet allmählich die Märchenfreudig-keit. Es hält sich zunächst noch in den unteren Schichten. AmRande des Dorfes, bei den Handwerkern und Kleinhäuslern wirdes noch liebevoll gehütet, wenn die großen Bauern es schon unterihrer Würde finden, zu erzählen oder auch nur zuzuhören. DieMärchenerzähler werden nicht mehr ernst genommen. Zuerst istes nur Gleichgültigkeit, sie werden nicht mehr eingeladen. Es küm-mert sich niemand um sie. Der Sammler, der nach alten Geschichtenfahndet, wird etwas von oben her betrachtet, daß er sich mit soeinem Zeug abgibt. Die Erzähler selber werden schließlich ver-spottet und verlacht. Das Märchen sinkt in immer tiefere sozialeSchichten hinab. Waren es ursprünglich erbeingesessene, angese-