Aufsätze und kleinere Mitteilungen.
Lebendiges Märchen.
Eine deutsche Märchenerzählerin aus Ungarn.( Mit 10 Abbildungen.)
Von Dr. Elli Zenker- Starzacher, Wien.
In der Spamerschen Volkskunde finden wir in einem AufsatzeWesselskis, der über die Formen des mündlichen Erzählgutes han-delt, die Ansicht vertreten, daß das Märchen in eine Rückzugsstellunggedrängt und zwangläufig zum Aussterben verurteilt sei. Es heißtdann wörtlich weiter:„ Sollen wir dieses Verschwinden von Märleinund Märchen aus dem Stock unseres mündlichen Erzählgutes be-dauern? Wir glauben: Nein. Im Grunde ist doch das meiste vondem, was der Volksmund weiter zu erzählen verzichtet oder ver-zichten muß, fremder Herkunft: Der Reiz des Exotischen Glossar ::: zum Glossareintrag Exotischen hatihm die Wege zur Verbreitung geöffnet, es ist verbreitet worden,bis es Gemeingut geworden war, und dann ist der Überdruß ge-kommen nicht so allerdings, daß man das daran Fremde emp-funden hätte, sondern weil das an dem Fremden Schöne, von demja vieles dem deutschen Gemüt entstammt, alltäglich und damitlangweilig geworden ist. Überdies habe ich das Gefühl und anderehaben es auch, daß unser Volk die Vorliebe für das Wunderbarelangsam verliert, daß die in deutschen Landen so rasch volkstüm-lich gewordene Kunstform des Märchens an Volkstümlichkeit einzu-büẞen beginnt und daß unser Volk immer mehr verzichtet, den In-halt der Märchen in die einfache Form überzuführen und ihn soweiterzugeben ¹)".
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So spricht ein Forscher und Wesselski ist nur einerunter vielen der von den gedruckten Märchensammlungen aus-geht und nach literarhistorischen Gesichtspunkten vom grünenSchreibtisch der Studierstube aus Urteile über das Märchen fällt.Für alle diese Forscher ist der Begriff Volk keine Summe von unter-
¹) Albert Wesselski, Die Formen volkstümlichen Erzählgutes, inSpamers Volkskunde I, S. 216 ff., Leipz. u. Berl. 1935.