Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde34 (1929) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde

  
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34 (1929) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde
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Früchte der Erde», Kupala bei den Russen⁹); ebenso das Ver-söhnen der Götter und Geister der Fruchtbarkeit in Afrika, inOzeanien, in Nordamerika") usw. Die Bitt- und Dankgebete unddie Opfergaben wurden häufig an die Geister der verstorbenenAhnen gerichtet⁹).

C. Wir müssen noch eine Kategorie der Gebräuche be-trachten, die unter dem Namen sakramentale Akte bekanntsind. Darunter versteht man im Allgemeinen solche Handlungen,die den Menschen zu einer intimen Einigung oder Verschmelzungmit der Gottheit, zur Aneignung eines kleinen Teiles ihrer Orenda,ihres heiligen Seins führen.

Zu diesem Zyklus gehören die Akte der sakramentalenVereinigung mit den Geistern der Vegetation und der Fruchtbarkeit,in Gestalt der letzten Garbe, einer besonderen Puppe oder derNachbildung irgend eines Tieres 99). Das Zerreissen der Nachbildungdes Wachstumgeistes oder seiner lebendigen Hülle bedeutete einstdie Einverleibung des Leibes und des Blutes des Fruchtbarkeits-geistes 100).

Zum Schluß will ich noch einige Worte sagen über denallgemeinen Charakter und die Struktur des Agrarrituals imVergleich zu anderen Gebieten der Volksgebräuche, z. B. zumHochzeitsdrama.

Beim Agrarritual stehen an erster Stelle zwei Gruppenritueller Akte: die karpogonischen und die apotropäischen,während beim Hochzeitsritual neben ihnen noch andere Kategorieneine große Rolle spielen: die Zeremonien, die dazu dienen sollen,die Liebe und Eintracht der Eheleute zu festigen, ihre ökonomischeund moralische Einigkeit zu besiegeln; Zeremonien, die die Los-reissung der Braut vom Kultus des heimatlichen Herdes be-deuten 101), andere Akte, die die Neuvermählte dem Hauskultusihres Mannes und der sozialen Gruppe der verheirateten Frauenzuführen sollten 102); endlich Gebräuche exapatetischen Charakters,die in der landwirtschaftlichen Folklore fast nie erwähnt werden.Es ist leicht ersichtlich, daß der Unterschied im Bestandedieser Zeremonien ihrer verschiedenen Bedeutung in der Ge-schichte der Kultur entspringt: während das Agrarritual in den

96) Aničkow I, 115.

97) Frazer 3V( Spirits of the Corn), 2, 109-137; Sartori 75, A. 15-18; Aničkow I, 84.

98) Aničkow I, 300 ff.

99) Frazer V, passim., z. B. 2, 48 ff.; Sartori 66, A. 29; 96, A. 17 H.;Fehrle, Feste 1920, 76 ff.( Saathahn).

100) Clemen, Rel. Europas, 179 ff.; Schwenn, Gebet u. Opfer, Hdlb.1927, 99 ff.

10) Rites de séparation nach der Bezeichnung von A. van Gennep.102) Rites d'aggrégation nach der Terminologie von A. van Gennep.