Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde33 (1928) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde

  
Jahrgang 
33 (1928) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde
Einzelbild herunterladen
 
  

Ein neuer Weg der Kinderspielforschung.

Von Dr. Hildegard Hetzer, Wien.

Neben den Spielen, die von jedem Kind im Laufe seinerEntwicklung aus instinktivem Drang in ähnlicher Weise gespieltwerden, die ihre Prägung von der jeweiligen individuellen Situationerhalten, gibt es Spiele, deren formaler Ablauf durch eine ganzeReihe besonderer Regeln, die von einer Kindergeneration deranderen durch soziale Uebertragung ¹) vermittelt werden, bis indie kleinsten Details hinein bestimmt ist. In diesem überliefertenKinderspiel haben wir das Volksgut der Kinder vor uns. DieKinder haben, soweit es ihrer Altersentwicklung entspricht, Anteilan dem Volksgut der Erwachsenen der Gemeinschaft, in welchersie leben; für sie werden zum Beispiel die Märchen und anderesVolksgut von den Erwachsenen überliefert, sie haben aber nochin der weiten Welt ihres Spieles, in welche die Erwachsenen imallgemeinen nicht einzudringen vermögen, ihren eigenen, volks-tümlichen Kinderbesitz, den sie selbständig schaffen, woes sich um Uebernahme aus einer anderen Sphäre handelt, um-gestaltend ihren Verhältnissen anpassen, selbständig überliefern.Es gibt kein Kindervolksgut, das nicht unter dem Begriff Kinder-spiel gefaßt werden könnte, und das Material, aus dem diesesKindervolksgut besteht, sind in der Hauptsache Laute, an welcheGebärde, Bewegung, Rhythmus und Melodie geknüpft sind.Materielles Kindervolksgut gibt es kaum. Die technischeUnzulänglichkeit des Kindes bei der Materialbearbeitung, dieUnfähigkeit Produkte herzustellen, die Aussicht haben, über dengegenwärtigen Augenblick hinaus fortzubestehen, sind für dieseTatsache verantwortlich zu machen; vor allem aber dürfte hieranzuführen sein, daß das Kind umdeutend die Gegenständeeinfach zu dem macht, was es wünscht, daß sie seinsollen, ihm daher das Bedürfnis fehlt, sie auch äußerlich demWunsch entspechend zu gestalten. Wundt hat die überströmendekindliche Phantasie für diese Leistung verantwortlich gemacht. 2)Neuere Beobachtungen am Kinde scheinen aber zu beweisen, daßes sich hier nicht so sehr um Phantasietätigkeit handelt, sonderndaẞ Akte der Sinngebung vollzogen werden, die Gegen-stände als Symbole für das, was sie darstellen sollen, eingesetztwerden.) Wo die Kinder überhaupt materielle Gegenstände in1) Karl Groos, Die Spiele der Menschen. Jena 1898. Derselbe, DerLebenswert des Spieles. 2. Aufl. Jena 1925.

3) Völkerpsychologie. 3 Bd. 4. Aufl. 1923.

3) Vergl. Ch. Bühler, Kindheit und Jugend in den Grundgesetzenihrer seelischen Entwicklung. In Vorbereitung. Hildegard Hetzer, Diesymbolische Darstellung in der frühen Kindheit. Wiener Arb. z. päd. Psych.H. 3. 1926.