Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde32 (1927) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde

  
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32 (1927) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde
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» Schandgemälde«<, die nach der Türkenflucht im Jahre 1684in Wien erschienen, liefern den Beweis, daß die Strafe des Esel-rittes auch in Wien bekannt war. In diesem Jahre wurdennämlich zwei Flugblätter bei Leopold Voigt gedruckt, deren einesden Titel führt:» Wer suecht, der findt. Des Tuerkischen Groß-Vizirs Cara Mustapha Bassa Zuruck- Marsch von Wien nachConstantinopel«. Das zweite» Schandgemälde« trägt folgendeWidmung:» Der elende und schimpfliche Abzug des TürkischenGroß- Vezirs aus der Christenheit und des Türkischen Hofes undder krumm- und lahmgehauenen Türken Klags- Geschrei über denso elend geführten Feldzug«<. Beide Flugblätter, die als Selten-heiten in der Wiener Nationalbibliothek aufbewahrt werden, habenan der Spitze der Verse ein Spottbild, worauf die jammerndetürkische Armee mit Kara Mustapha an der Spitze, auf einemEsel reitend, in Konstantinopel einzieht. Das ist eine klareAnspielung auf die damals besonders in der Türkei übliche Strafedes Eselreitens. In Wien begnügte man sich, den Anführer desbesiegten Feindes bildlich auf einem Esel reiten zu sehen.

Dies führt zur Erklärung des Ursprunges des HernalserEselrittes, der alljährlich am Sonntag nach Bartholomä( 24. August)veranstaltet wurde. Wann der Spottaufzug eingeführt wurde, läßtsich aus Chroniken nicht ermitteln, aber es ist nicht unwahr-scheinlich, daß er gleich nach der türkischen Niederlage alsVolksfest an einem Kirchweihtag aufgekommen ist und dann er-halten blieb. Ein ähnlicher Umzug fand auch am Rhein als Fast-nachtspiel auf offener Straße statt; die Veranlassung zur Ent-stehung dieses Spieles ist nicht bekannt.

Wenn auch in der Schilderung des Hernalser Eselrittes nichthervorgehoben wird, daß der Pascha verkehrt auf dem Eselsitzen mußte, so tritt trotzdem hier die Sitte des Strafeselsdeutlich hervor, wie dies auch auf den erwähnten Spottbildernwahrzunehmen ist, die übrigens möglicherweise die Anregung zudiesem charakteristischen Volksfeste des Eselrittes in Hernalsgegeben haben dürften.

Der Zug des Eselrittes in Hernals wurde von einer türkischenMusikbanda eröffnet, der paarweise Christensklaven in zerlumpterBekleidung, mit Ketten belastet, folgten. Ihnen zur Seite schrittenJanitscharen mit langen Bärten. Daran schloß sich ein TruppTürken, gefolgt von einem dickbäuchigen Pascha, der auf einemEsel ritt. Der Pascha wurde von den Zusehern geneckt und be-kam überall Wein zu trinken, so daß er sich schließlich nur mitMühe auf dem Esel aufrecht halten konnte. Den Schluß desZuges bildeten einige berittene Muselmänner. Unter Kaiser Josef II.wurde die Volksbelustigung, die ins Derbste entartete, abgeschafft. ¹)

Die komische Figur des Pascha in überheiterer Laune aufseinem Esel reiten zu sehen, bildete zweifellos das Ergötzlichste beidieser wohl nur aus Spottbedürfnis entstandenen Volksbelustigung.1) J. Gebhart, Oesterreichisches Sagenbuch( Pest 1863), 34.