Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde29 (1924) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde

  
Jahrgang 
29 (1924) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde
Einzelbild herunterladen
 
  

5

in der Nähe erbaute Haus führt den Namen» in Amerika«, weil zwei reicheAmerikaner( 1875 und 1880) darin gewohnt haben. Sie haben gewaltigeSchätze dort vergraben, über deren Herkunft man nichts weiß Deshalbgeistert es in dem Hause; manchmal können die Bewohner die ganze Nachtnicht schlafen, so rumort es in den Zimmern. Doch haben alle Nach-forschungen nichts gefruchtet. Fände man den Schatz, müßte man ihn derKirche oder wohltätigen Zwecken spenden, weil er einst, ohne den Menschenzu dienen, zusammengetragen worden sei.

Es ist anzunehmen, daß eine an dieser Stelle schon lange bestehendeSchatzsage auf die Ausländer übertragen wurde, denen gerade als Amerikanernfür das Volk etwas besonders Geheimnisvolles anhaftete.

Von dem Galgenkreuz geht ein Wiesenweg zur Gaalerstraße, die, nahedem Kapuzinerkloster, in die Stadt führt. An seiner Einmündung in dieStraße erhebt sich ein verwittertes Kapellchen, das rote Kreuz genannt. DieHauptnische schmückt jetzt ein Marienstandbild, die Innenwände weisen Bildervon Auferstehung und Himmelfahrt auf. In der kleinen Nische, oben an derVorderseite ist noch das auf die Dreifaltigkeit hinweisende dreieckige Augezu erkennen. Die linke Außenwand zeigt den heiligen Georg in der typischenDarstellung, wie ihn zum Beispiel auch das Passionale wiedergibt.( Des HeiligenLeben und Leiden, anders genannt das Passionale, Sommerteil, LeipzigMCMXIII, S. 18.) Auf der rechten Seite läßt sich nur noch ein Frauenkopfwahrnehmen.

Da auch um dieses Kreuz sich Schatzsagen schlingen, vermutete ichdaẞ früher vielleicht hier, fern der Landstraße, die Verbrecher den letztenWeg geführt wurden. Herr Großmann bestätigte mir nach seinen Nach-forschungen in Graz diese Vermutung und erzählte auch, daß er sich nochan den sehr bezeichnenden Namen» Seufzerweg« für den Wiesenpfad erinnere.Joh. Krainz( Mythen und Sagen aus dem steirischen Hochland, gesammeltund herausgegeben von J. Krainz, Bruck a. d. Mur 1880, S. 198) weiß nurvon einer schwarzen Frau, die sich in der Dämmerung dort zeige, aber ver-schwinde, wenn man sich ihr nähere, und von Geistern, die zwischen 11 und1 Uhr nachts hier ihr Unwesen treiben und den Wanderer irreführen.Mir erzählte eine Frau, nach den Berichten ihrer Großmutter, es sei beimroten Kreuz ein großer Schatz verborgen, den nachts tanzende Lichter an-zeigten und den ein schwarzer Hund mit feurigen Augen hüte. Oft schonhabe man dort gegraben, doch ohne Erfolg, da die Erde beim Aushebenimmer schwerer und schwerer werde. Doch blickt in der Dämmerung nochso mancher in geheimem Grauen und doch voll Zuversicht nach dem Kreuz,das endlich seine Schätze den Suchern erschließen solle.

Tanzende Lichter und Poltergeister, die ruhelose Seelen verkörpern,dürfen uns in der Galgennähe nicht wundern. Es ist aber eigentümlich, daßwir dort auch Sagen von verborgenen Schätzen finden; als Hüter des Horteserscheint, wie überall, die schwarze Frau und der feueraugige Hund. Esscheint demnach das Volk ursprünglich die Verbrechen hauptsächlich auf denunrechtmäßigen Erwerb von Geld und Gut zurückgeführt zu haben.