9
Von unseren Gegenden an bis nach Norddeutschland hinein erklärtsich das Volk gewisse Erdhügel, die, wie wir wissen, vorgeschichtliche Gräberenthalten, so, daß es meint, hier liege irgendein Held begraben und seineKrieger hätten die Erde zu dem Hügel in ihren Kopfbedeckungen zusammen-getragen.1) Aus diesen Sagen geht hervor, daß dem Volke der Zweck derHügel als Grabstätte bekannt war. Freilich läßt sich hier kaum nachweisen,daß solche Sagen bis in die Zeit der Entstehung der Hügel zurückgehen.Gleiches gilt von der auf bayrisch- österreichischem Boden sehr häufigen Be-zeichnung derartiger Hügel als Lee- oder Leber-( Lewer-) Hügel. 2) Diese Wortekommen von dem mittelhochdeutschen lê oder lêwer, ein Wort, dessen Sippeauch in älteren germanischen Mundarten belegt ist; es bedeutet Grab, Grab-hügel. Als Beispiele aus Niederösterreich seien genannt die Leeberge beiMa Hausleiten, Großmugl, Oberhausen, alles früheisenzeitliche Grabhügel, fernerOrtsnamen, wie Gemein-, Langen- und Mal- Lebarn, Breitenlee, Schotterlee,Leesdorf. Bezeichnend ist es, daß der vorgeschichtliche Tumulus bei Bullen-dorf von dem mittelalterlichen Hausberge auf dem benachbarten Geiselbergein der volkstümlichen Benennung scharf geschieden wird: der letztere heißtHausberg, der erstere dagegen Leeberg. Das spricht doch dafür, daß manden verschiedenen Zweck der beiden Erdbauten kannte.
Überlieferung dieser Art braucht nun nicht unbedingt gerade bis indie Entstehungszeit des betreffenden Denkmales zurückreichen. Sicher aberist das der Fall bei Überlieferungen wie etwa der folgenden.
Auf Rolvsö( Smaalenenes Amt, Norwegen) befindet sich ein großerHügel, der seit alters Schiffshügel«( Baathaug) hieß; zudem ging noch dieausdrückliche Erzählung, daß in ihm ein Schiff sei. Wirklich stieß man beider Untersuchung des Hügels auf ein großes hölzernes Schiff aus der Wikinger-zeit, das gleich dem berühmten Osebergschiff³) als Grab gedient hatte
-
1) Dieser Sagenzug Zusammentragen der Erde in Kopfbedeckungenfindet sich auch bei anderen Erdanlagen als Grabhügeln. So erzählt mansich, daß der riesige, nach Bedeutung und Entstehungszeit unsichere Hügelbei Deutsch- Altenburg in Niederösterreich( mittelalterlic..er Grenzhügel?) nachdem Abzuge der Türken von der Bevölkerung in Hüten zusammengetragenworden sei, um ein Erinnerungszeichen an die überstandene Gefahr zuschaffen( Kubitschek- Frankfurter, Führer durch Carnuntum, S. 6.).
2) Die Bezeichnung ist auch urkundlich belegt in einem Schriftstückaus dem Jahre 890 sind( in der Gegend von Hollenburg)» cumuli, quos lev virvocamus erwähnt( Archiv f. österr. Gesch., XXVII, 259). Eine schnurrigeÜbertragung der Bezeichnung eines Grabhügels auf den darin Bestatteten liegtaus Niederrieden in Bayern vor. Dort erzählte man sich mit Bezug auf einenbestimmten Hügel, daß ein General namens Lehbühel in ihm beigesetztsei( F. Ohlenschlager, Sage und Forschung, Festrede in der bayr.Akad. d. Wiss., philos.- philol. Kl., 1885, S. 22).
3, Im Kristiania- Fjord liegt der Hof Oseberg, d. h. Berg der Osa. Osaist die lautgesetzliche Entwicklung eines Namens, der in der WikingerzeitAsa gelautet hat. Eine Asa war die Großmutter des Königs Harald Schönhaar,des Begründers der norwegischen Reichseinheit( 9. Jahrhundert. Aus einembei dem genannten Hofe befindlichen Hügel wurde das Osebergschiff gehoben,ein Holzschiff, das ein Frauengrab mit einer bisher einzig dastehenden Grab-ausstattung enthielt. Diese ermöglicht eine Datierung des Grabes in der Zeiteben jener Ása, und es unterliegt daher keinem Zweifel, daß auch in diesemFalle der Name Oseberg eine richtige Tradition darstellt.