Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde28 (1923) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde

  
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28 (1923) / Wiener Zeitschrift für Volkskunde
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dadurch, daß an beiden Stellen Vorübergehende einen Zweig hinwerfen, Nebender Buche sowie neben der Kapelle liegt je ein größerer Asthaufen, dessenunterste Lagen schon zu Humus vermodert sind. Es ist immerhin interessant,daß sich von dem weitverbreiteten Brauche, an Stellen, wo jemand sein Lebenließ, einen» Opferhaufen aus Steinen oder Zweigen zu errichten, ¹) auch inunserer Gegend noch eine Spur erhalten hat. Merkwürdig ist, daß das Pfarr-buch von den Opferhaufen beim Toten Mann und bei der Toten Frau<nichts erwähnt; der Brauch ist doch sicher schon zu Stockmanns Zeiten geübtworden, möglich, daß ihn der Geistliche in dem Gefühl, es da mit etwas Un-christlichem zu tun zu haben, mit Stillschweigen überging.

Solcher Stellen, die zum» Toten Mann« oder ähnlich heißen, werdenin der Literatur etliche genannt( s. Verh. d. Berliner Anthropol. Ges., Sitzungvom 28. Mai 1893, S. 282). Aus der Gegend von Heilbronn erwähnt A. Schliz.Der Entwicklungsgang der Erd- und Feuerbestattung in der Bronze- undHallstattzeit in der Heilbronner Gegend( im 6. Heft des Historischen VereinesHeilbronn, 1900) einen Schweinsberg genannten Berg, der früher die Be-zeichnung» Dreitotenhügel führte; in der Tat trägt er drei( vorgeschichtliche)Grabhügel. Bei einem Besuche in Stift Göttweig hat Abt Dung] mir gegen-über die Meinung ausgesprochen, daß auch beim> Toten Mann und bei der> Toten Frau der Fall so läge, daß sich um vorgeschichtliche Gräber einejüngere, erklärende Sage gesponnen habe. Das ist nichts Unwahrscheinliches.

Ich habe dann auch gelegentlich eines Aufenthaltes in der Gegend imSommer 1922 einige Stunden darauf verwendet, beim Toten Mann« unterdem Opferhaufen zu graben. Mangels Zeit und entsprechender Geräte bin ichbei der Grabung nicht weit gekommen, hatte aber dort den Eindruck, daßdas Erdreich, aus dem der flache Hügel unter dem Reisighaufen besteht, an-geschüttet ist, aber möglicherweise wirklich ein Grabhügel ist. Ich hoffe, spätereinmal eine ordentliche Grabung durchführen zu können.

Nachdem vorstehende Zeilen geschrieben waren, kam ich zufällig darauf,daß bereits Marie Eysn in einer kurzen, Mitteilung unter der Überschrift» Reisichthäufung in Niederösterreich in der Berliner Zeitschrift für Volks-kunde( 1898, S. 455) die hier behandelten Opferhaufen erwähnt; sie bietetauch Photogramme der Kapelle und der Buche. Die Sage streift sie ganz kurz,den Opferhaufen bei der Kapelle hat sie aber vergessen. Bezüglich der Opfer-haufen erfuhr sie, man mache sie, weil es ein» entrischer Ort und» guatdagegen«, d. h. gegen böse Geister sei. Sie bemerkt auch, daß jeder Vorüber-gehende an dem Glockenstrick der Kapelle ziehe, um die Geister abzu-halten. Die Glocke, die am Ende des vorigen Jahrhundertes von einem Arzt,Dr. J. Knappel, gestiftet worden war, ist heute nicht mehr vorhanden, sie istder Metallabgabe während des Weltkrieges zum Opfer gefallen. Schließlichsei noch hinzugefügt, daß die Leute von Bergern alljährlich am 16. Mai( Johann von Nepomuk) zur Toten Frau wallfahrten; an anderen Tagenunternehmen Wallfahrten dorthin die Einwohner von Wölbling und Lantersdorf.

1) Die Literatur über diesen Gegenstand ist reichlich. Vergl. zum BeispielAndree, Ethnogr. Parallelen, S. 46 ff.; Liebrecht, Zur Volkskunde,S. 267 ff.; Zs. f. öst. Vk. 1901, S. 22; 1912, S. 46; 1913, S. 204; 1914, S. 50, 143,