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Pötzl und Chiavacci den vielen alt- bodenständigen Zügen des kleinbürger-lichen Wiener Vorstadtlebens liebevoll nachspürten, obwohl dieses Lebensich fast genau so heute, namentlich im Jugendalter, abspielt wie annodazumal<.
Merkwürdig aber ist, daß sich der historische Sinn der intellektuellenKreise an den Folgerungen gänzlich vorbeidrückt, die sich aus der ungeheurenErweiterung des Weichbildes von Groß- Wien auf die einstigen Vororte undselbständigen Gemeinden seiner Umgebung ganz natürlich ergeben. Durchdiese Einverleibung gelten viele Orte und Menschengemeinschaften mit einemMale als farblose Großstädter, die bislang sogar verwaltungsmäßig ihr Eigen-leben führten, deren Ortslage und gegenseitige Entfernung durch die Einver-leibung keineswegs eine andere, beziehungsweise kleiner geworden ist, ihreWirtschaftsform, ihr Hauswesen und alles, was drum und dran hängt, gleich-falls fast zur Gänze beibehalten haben und deren örtliche Vergesellschaftungnoch ganz in der alten volkstümlichen Art weiterlebt.
Ich will als volkskundlich an sich sehr bemerkenswertes Beispiel den> Kirtas oder das Fruchtreifefest« in Neustift am Walde( zum XVIII. WienerGemeindebezirk gehörig) nach meinen persönlichen Beobachtungen im Jahre1920 mit Mitteilungen des Herrn Fritz Spindler, Wirt im> Kellerstöckel<in Neustift am Walde Nr. 87, schildern, für die ich ihm auch bei dieser Ge-legenheit den besten Dank sage,
Der Kirta, beziehungsweise das Fest der Fruchtreife findet in Neu-stift nach altem Brauche noch alljährlich am Sonntag nach Rochus( wie HerrSpindler mitteilte, am Sonntag nach dem 15. August) statt. Es besteht eineBurschenschaft der unverheirateten Jugend, der Älteste der Burschenladet zum Fest ein; der festliche Umzug wurde seinerzeit vom Weinhütergeführt; da heute der Hüter meist persönlich aufgenommen, nicht wie seinerzeitgewählt wird, führt den Zug zumeist der mit dem alten Brauch wohlvertrauteHerr Stephan Rath, dessen Bruder Leopold auch Verfertiger der jetzigenFruchtkrone ist, von der gleich die Rede sein wird. Der Festzug besteht ausder Musikkapelle, hinter der vom Hüter geleitet die Fruchtkrone getragenwird. Sie wird von zwei Burschen im» Sonntagsgewand an einer Stangehängend getragen, die ihnen auf den Schultern aufruht, was durchaus an diealte volkstümliche Vorstellung von Josua und Kaleb mit der Traube erinnert.Der Hüter trägt sein Festgewand( feldgrüne Lodentracht mit langen Hosenund Steirerrock, grün ausgeschlagen, dazu weichen grünen Jägerhut), an derSeite hängt ein Stierhorn, das Hüterhorn( in» Wien auch von den amtlichbestellten Flurhütern verwendet). Die Krone selbst besitzt einen durchsichtigenreifartigen Unterteil, der sechs verglaste Gucknischen aufweist. Hinter jedemFenster ist ein Sträußlein künstlicher Blumen zu sehen. Darüber baut sich dieKrone mit sechs Bügeln auf. Das Gestell ist mit farbigem Papier( gelb undrot) verklebt und mit roten und weißen Seidenteilen mit Goldfransenbesatzverkleidet. Alle Bügel und auch der Reif sind mit vergoldeten und versilbertenNüssen verziert, dazwischen gestreut sind künstliche Klatschmohnblüten. Ander Unterseite befindet sich ein Kranz von künstlichen Wiesenblumen sowieTrauben, Birnen und Äpfeln, und es hängen dazwischen weiße, rote, blaueSeidenbänder mit Goldfransen herunter.