Atány(= Veröffentlichungen des Instituts für mitteleuropäische Volksfor-schung an der Philipps- Universität Marburg- Lahn, A. Allgemeine Reihe,Bd. 7), 551 Seiten, 139 Abb. auf Tafeln. Göttingen 1972.
Die beiden mächtigen Bände stellen das Denkmal einer Intensivforschungdar, die weit über das hinausgeht, was sonst als„ Feldforschung" bezeichnet wird.Frau Edit Fél und Herr Támas Hofer, seit vielen Jahren verehrte Kollegenvon uns und bewährte Beamte am Ungarischen Volkskundemuseum, haben sichnach vielen anderen Arbeiten und neben mindestens ebenso vielen anderen dasDorf Átány im Norden der Großen Ungarischen Tiefebene ausgesucht und dasgesamte Leben der Bauern dieses Dorfes beobachtet, beschrieben und nunmehrdargestellt. Sie haben sich, einem speziellen Zug der ungarischen Volkskunde indiesen Jahren folgend, ein rein ungarisches Dorf ausgesucht, um von den vielenVerstrickungen aus Sprachinselforschung, Nachbarschafts- und Zusammenhangs-erkundung loszukommen. Sie haben ein geschlossen kalvinistisches Dorf ausge-sucht, um dieses eigentliche Ungartum in seiner vermutlich bezeichnendstenErscheinungsform in den Griff zu bekommen. Sie haben, und das bedeutet sicher-lich eine Erschwerung, das Dorf in jenen Jahren aufgesucht, die den Übergangvon der herkömmlichen bäuerlichen Einzelwirtschaft zum LandwirtschaftlichenKollektiv brachten. All das bedeutete, daß die beiden Forscher das Dorf undseine Menschen zwar in ihren vielen statischen Belangen sahen, aber doch auchin der durch geschichtliche Ereignisse hervorgerufenen Bewegtheit.
Das ungeheuer reiche Buch läßt sich nicht einmal andeutungsweise seinemInhalt nach vorstellen. Der Bauer von Átány und sein Boden steht da vor uns,und wir erfahren genau, was und wie er anbaut. Man erfährt alles über die Vieh-haltung, und das im Zustand vor der Mechanisierung der Landwirtschaft:„ DasPferd ist dem Bauern sein Alles"( S. 112). Dann kommt erst die„ Arbeit", mitihrer Gliederung nach Arbeitskreisen, mit dem, was die Verfasser„ Dosierung derArbeit" nennen. Es ist nicht zu übersehen, daß die Forscher diese Menschenvon Átány kennen wie Brüder, wie Schwestern, und daß es ihnen dennochgeglückt ist, die für die Forschung unentbehrliche Distanz zu bewahren. Beson-deres Gewicht wird auf die Nahrungsforschung gelegt. Die Speisen und Getränke,ihre Zubereitung, ihre Konsumierung bei den Mahlzeiten, sie sind in reicher Fülleda, bis zum Geschirr, bis zur Säuglingsverpflegung. Selbstverständlich folgt die,, Tracht", nüchtern, aber richtig als„ Norm der geziemenden Kleidung" auf-gefaßt. Nach Nahrung und Kleidung etwas Auffälliges:„ Die Ordnung des Woh-nens in Haus und Hof." Davon war bisher nur selten die Rede. Trennung desWohnens im Sommer" vom„ Wohnen im Winter" wird als wesentlich heraus-gestellt. Man merkt den beträchtlichen weiblichen Anteil an diesem Leben:, Umstellung der Möbel bei besonderen Gelegenheiten". Dann schließlich derWert des bäuerlichen Wirtschaftens:„ Der Grundstock der Bauernwirtschaften".Absatz und Anschaffung, Kauf und Verkauf, die Märkte, die Wanderhändler.Dann folgt„ Die Zeit", aus dem Blickwinkel„ Ordnung der Tages- und Jahres-zeiten" heraus gesehen. Das beginnt schon mit den Tagesabschnitten, geht zu denSonn- und Feiertagen über, und dann zu den Jahreszeiten.
22
Das ungeheuer genau gesammelte Material ist sorgfältig gegliedert und wirdmit einer gewissen gleichmäßigen Ruhe vorerzählt. Wer die Einzelheiten nichtsogleich wissen will, kann sich an eine ausführliche Zusammenfassung halten,in denen noch einmal ganz charakteristische Themen aufgegriffen werden, wie,, Entscheidungen des Alltags" oder„ Strategien des wirtschaftlichen Aufstiegs".Und das alles, um einen Untertitel aus dem Schlußwort zu benützen,„ mit denAugen der Atányer gesehen".
Von der Genauigkeit der statistischen Darstellungen, von der Einprägsam-keit der vielen Photos braucht hier gar nicht geredet werden, sie verstehen sichbei einer Arbeit, mit der sich die beiden Verfasser so viele Jahre hindurch be-
272