Jahrbuch für ostdeutsche Volkskunde. Im Auftrag der Kommission fürostdeutsche Volkskunde in der Deutschen Gesellschaft für Volks-kunde herausgegeben von Erhard Riemann. Bd. 14, 1971.390 Seiten, mit Abbildungen im Text und auf Tafeln und einigenKarten im Text und im Anhang. Marburg an der Lahn 1972. N. G.Elwert Verlag. DM 33,—.
Der neue Band des Jahrbuches für ostdeutsche Volkskunde ist vonuns aus wieder besonders zu begrüßen. Einmal, weil er fast nur Beiträgeenthält, die sich auf deutsche Volksgruppen im Raum der ehemaligenÖsterreichisch- Ungarischen Monarchie beziehen, ob nun dort noch seẞ-haft oder aus ihrer Siedlerheimat vertrieben. Und dann, weil diesesJahrbuch als so ziemlich einziges Veröffentlichungsorgan der Volks-kunde Beiträge zur Volksschauspielforschung enthält, einer sonst dochzu wenig berücksichtigten Teildisziplin unseres Faches.
Der vorliegende Band beginnt sogleich mit einem Volksschauspiel-Beitrag. Rudolf Zrubek vom Heimatmuseum des Adlergebirges hatin tschechischer Sprache eine Arbeit geschrieben, die hier unter demTitel„ Deutsch- tschechische Gemeinsamkeiten in den Weihnachtsspie-len des Adlergebirges“ übersetzt vorliegt. Es handelt sich eigentlich umWeihnachts- und Dreikönigsspiele aus dem Nachlaß von Eduard Lan-ger, der einstmals verdienstvollerweise die Zeitschrift„ Deutsche Volks-kunde aus dem östlichen Böhmen" herausgab. Zrubek stellt einige( nun-mehr übersetzte) böhmische Weihnachtsspiele dazu, die vermutlichdurch die deutschen Texte beeinflußt waren. Er versucht sich auch ineiner etwas naiven Herkunftsforschung, wenn er Strophen aus demBatzendorfer Weihnachtsspiel mit solchen aus dem Spiel aus Felizien-thal in Ostgalizien vergleicht, das aber eigentlich wieder aus dem Böhmerwald gekommen ist... Zrubek hat offenbar die ganze neuere Weih-nachtsspielforschung nie zu Gesicht bekommen, und von der Abhängig-keit solcher Liedstrophen von älteren Flugblattdrucken hat er auch nieetwas gehört. Ein Versuch mit untauglichen Mitteln. Die Texte, die inextenso gebracht werden, bestätigen nur die Zusammenhänge mit demschlesischen Weihnachtsspielgut, was allerdings Friedrich Vogt schonvor siebzig Jahren gewußt hat.
Wenn Zrubek keine weiterführende Literatur kennt, so verwendetIngeborg Weber- Kellermann in ihrem Beitrag„ Ein BanaterDreikönigsspiel im interethnischen Kontext" davon wieder zuviel. Umein Sternsingerlied, das letztenendes auf die Ansingelieder des späten16. Jahrhunderts zurückgeht, bei seinem Auftreten in dem donauschwä-bischen Dorf Klein- Betschkerek( heute in Rumänien) zu kommentieren,bedarf es nicht der Heranziehung von ungarischer und rumänischerLiteratur. Aber es ist gut, wenn auf das Volksschauspielleben in einemsolchen Banater Dorf aufmerksam gemacht wird, in dem neben denSchwaben auch Rumänen und Serben leben, die durchaus auch ihrVolksschauspiel- und Maskenwesen besitzen, und zwar vielleicht mehr,als Alfred Karasek einstmals wahrhaben wollte. Für die in Noten wieder-gegebenen Tonbandaufzeichnungen wird man also dankbar sein.
Ganz in der Nähe des Volksschauspiel- und Maskenwesens stehendie Mitwinter- und Faschingsgestalten, von denen Herta Wolf- Bera-nek in ihrem Beitrag„ Gestalten der Mittwinter- und Fastnachtszeit inden ehemaligen Sudetenländern"( gemeint ist: bei den Deutschen, dieehemals in den Sudetenländern zuhause waren) berichtet. Frau Wolf-Beranek veröffentlicht mit steigender Intensität Proben aus ihrem,, Atlas der sudetendeutschen Volkskunde“. Vor kurzem konnten wir
157