Jahrgang 
75 (1972) / N.S. 26
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ganzen Stoff gleichmäßig zu überblicken. Das ist für das geistlicheDrama auch weitgehend möglich, dafür liegen genug Vorarbeiten vor.Michael schätzt vor allem die älteren Textausgaben. Was Hartl undandere inzwischen ediert haben, ist ihm nicht immer recht, seine An-merkungen bezeugen da stets eine deutliche Abneigung. Man spürt mit-unter die weite räumliche Entfernung: Aggsbach( S. 96, Anm. 86) liegtwirklich nicht bei Prag, sondern mitten in Niederösterreich. Das mit-unter sehr starke lyrische Element in den Oster- und Passionsspielenfindet sich gewürdigt. Freilich hauptsächlich im Hinblick auf die Be-teiligung von Vaganten und deren Einfluß auf die manchmal ja über-raschend munteren eingelegten Lieder. Hier ließe sich wahrscheinlichvon der Erforschung des älteren Liedes her fortsetzen. Michaels Aus-führungen kommen hier besonders dem Komplex der Erlauer Spiele zu-gute, die wir uns vielleicht in Villach aufgeführt vorstellen können. ImGegensatz zu den älteren Darstellungen des Stoffes behandelt Michael,seinen Vorarbeiten entsprechend, das Gebiet der Prozessionsspiele be-sonders ausführlich. Zum Teil klingen seine Ausführungen heute nochwie ein später, mit Anton Dörrer geführter Dialog, vor allem über dieBeziehungen zwischen Freiburg und Bozen auf dem Gebiet der Fron-leichnamsspiele. Offene Fragen wie die nach dem eigentlichen Sinn desEgerer Fronleichnamsspiels bleiben auch bei Michael ungeklärt. Manmerkt, wie wenig sich diese Riesentexte des Spätmittelalters in eineSystematik einordnen lassen. Aber das war freilich immer schon klar.Sehr beachtlich erscheint, daß Michael im Gegensatz zu seinen Vor-gängern dem weltlichen Volksdrama", also vor allem dem Fastnacht-spiel, einen breiten eigenen Raum einräumt. Er gibt hier wirklich mehrals bisher üblich war. Dies freilich zunächst schon aus dem forschungs-geschichtlichen Grund, weil er sich vordem ausführlich ablehnend mitden Arbeiten von Otto Höfler und Robert Stumpfl auseinandergesetzthat, und nun zeigen kann, auf welchen Wegen die neuere Forschung, vorallem Ekkehard Catholy und Werner Lenk, weitergekommen sind. Aberauch an Michaels Darstellung erscheint manches wieder zweifelhaft.Seine etwas abschätzige Würdigung der Lübecker Fastnachtspiele, vondenen nur eine, freilich recht umfangreiche Titelliste erhalten ist, er-scheint doch recht einseitig. Da haben meiner Ansicht nach einstmalsC. Walther und W. Creizenach aufschlußreicher interpretiert. Aber wiedem auch sei, Michaels Ausführungen erfassen wenigstens alles, wasbisher zum Fastnachtspiel veröffentlicht worden ist, einschließlich allerneueren Text- und Belegfunde, man sieht beispielsweise den großenbayerisch- österreichischen Anteil jetzt auch schon deutlicher als zuvor.Der dritte Teil des Buches ist dem Humanistendrama gewidmet.Eigentlich gehört es gar nicht in diesen Zusammenhang, und man orien-tiert sich darüber heute sicherlich in dem zitierten Hauptwerk von HansRupprich( S. 626 ff.) besser. Auch empfindet man das Aneinanderschiebenvon sozial- und geistesgeschichtlichen Dingen wie jenen bürgerlich-patrizischen spätmittelalterlichen Fastnachtspielen einerseits und diesenhumanistisch- schulmeisterlichen Schuldramen als verfehlt. Celtis undReuchlin sind eben nicht mehr Mittelalter.

Michael hat keine Verbindung zur Volkskunde, auch nicht zur Volks-schauspielforschung. Er kennt sie kaum, und für eine genauere Kennt-nis auch nur der Literatur dieser Gebiete ist eben Texas wirklich zu weitvon uns entfernt. Aber davon abgesehen ist die sehr kritische Darstel-lung doch auch für uns lehrreich, und selbst an Michaels vielen ab-wertenden Urteilen über die Leistungen von Vorgängern und Zeitgenos-sen ist wohl einiges zu lernen.Leopold Schmidt

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