Jahrgang 
75 (1972) / N.S. 26
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Dieses angestrebte Vollbild" 11) des Dorfes Wolfau mußte frei-lich Stückwerk bleiben. Gaál führt das auf Organisationsschwie-rigkeiten zurück: Einige Themen, die unter Umständen wichtiggewesen wären, fehlen, so Volksglaube, Sammelwirtschaft, Möbel,Heilkunde, Viehzucht, Tracht usw. Möbel und Volksglaube hatteich selbst schon aufgenommen und veröffentlicht, eine sich inÄußerlichkeiten zeigende Volkstracht gibt es nicht; die anderenThemen sind teils für Anfänger zu schwierig, teils konnte ich sie imProgramm nicht mehr unterbringen( S. 17). Liegt es wirklich nuran den angeführten widrigen Umständen, daß das Gesamtbild nichtvollendet werden konnte? Kann man nicht in jedem Fall immernoch auf weitere Aspekte hinweisen, die sicherlich in bestimmtenHinsichten sehr wichtig wären, die aber nicht berücksichtigt wur-den?( Die Abkürzung usw. im oben zitierten Text deutet das an.)

Weil wir eine unabsehbare( unendliche) Anzahl von Gesichts-punkten beachten müßten, halten wir eine wissenschaftliche Be-schreibung einer konkreten Situation als Ganzes( im holistischenSinn) für ausgeschlossen. Wenn wir eine Sache studieren wollen,müssen wir stets bestimmte Aspekte an ihr auswählen. Es ist unsnicht möglich, ein ganzes Stück der Welt oder ein ganzes Stück derNatur zu beschreiben, denn jede Beschreibung ist notwendigselektiv" 12). Holistische Versuche bringen bloß ein totalitäres Welt-bild zum Ausdruck, wie Karl Raimund Popper zeigt 13). Wir sindalso gezwungen eine Entscheidung zu treffen, eben dieses und nichtsanderes zu behandeln: wir wählen aus. Eine Selektion wird stetsvorgenommen, gleichgültig wie sie begründet wird oder ob sie über-haupt begründet wird.

Hermann Bausinger weist in einem Aufsatz Zur Proble-matik historischer Volkskunde" darauf hin, daß die jeder Unter-suchung vorgängige Wahl des Gegenstands nicht gleichgültig seinkann, nur unstrukturierte Fragen in einer unstrukturierten Wirk-lichkeit wären völlig neutral, sie wären aber nicht wissenschaftlich,und sie sind nicht einmal denkbar" 14). Anders formuliert GunnarMyrdal: Facts do not organize themselves into concepts andtheories just by being looked at; indeed, except within the frame-

11) Vgl. Wolfau- Bericht( wie Anm. 5), S. 17: Die Studenten solltenso in die Lage gesetzt werden,(...) ihre eigene Aufgabe als einen Sektordes großen Ganzen zu betrachten."

12) Popper, Das Elend des Historizismus( wie Anm. 10), S. 61 f.13) Ebd., S. 63.

14) Hermann Bausinger, Zur Problematik historischer Volks-kunde, in: Abschied vom Volksleben, Tübingen( 1970)(= Untersuchungendes Ludwig- Uhland- Instituts der Universität Tübingen, 27. Band), S. 159.

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