Literatur der Volkskunde
Leopold Schmidt, Volkstracht in Niederösterreich. Eine Ein-führung nach Erscheinungsform, Funktion und Geschichte. Mit34 Bildern, 87 S.(= Niederösterreichische Volkskunde, Band 5).Rudolf Trauner Verlag, Linz 1969. S 168,-.
Ein Trachtenbuch zu schreiben für eine Landschaft, in der die Trachtschon seit Generationen erloschen ist, stellt keine leichte Aufgabe dar.Aber es lohnt sich immer noch, das historische Bild der früheren Trachtzu zeichnen, wenn ergiebige Quellen dafür vorhanden sind. LeopoldSchmidt hat dies in seinem niederösterreichischen Trachtenbuch ver-sucht und einen hübschen Band mit 34 meist farbigen Abbildungen vor-gelegt. Ganz im Sinne moderner Trachtenforschung gilt sein Interessenicht so sehr dem einzelnen Kleidungsstück, das man aus Museums-beständen detailliert beschreiben und einer bestimmten Landschaft zu-ordnen kann; es scheint ihm vielmehr auch im Hinblick auf denheutigen Menschen- wichtiger, die Tracht in ihrer Funktionsgebunden-heit an wirtschaftliche, rechtliche und soziale Gegebenheiten zu sehenund zu verstehen. Daher hat der programmatische Satz seine Richtigkeit:„ Die funktionelle Einbindung von Tracht und Schmuck in Brauch undGlaube ist maßgebend, ohne sie gibt es kein wirkliches trachtlichesLeben"( S. 8). In der Einleitung gibt Leopold Schmidt einen Überblicküber die Sammlung und Erforschung der Volkstracht in Niederöster-reich. Als Grundlage aller volkstümlichen Tracht beschreibt das I. Ka-pitel das alte Volkstextilwesen“, das in der Flachsverarbeitung undHausweberei, aber auch im zunftmäßigen Textilhandwerk, stark vonBrauch und Sitte getragen war. In diesem Rahmen lebt die volkskünst-lerische Betätigung aller Art, vor allem die Stickereien in ihren ver-schiedenen Techniken; historische Zeugnisse und textile Museumsstückesind dafür vorhanden.
Im II. Kapitel vom„ alten Volkstrachtenwesen" wird deutlich, daßdie Tracht nichts Starres und Unveränderliches ist, sondern daß sichüber deutlich erkennbaren Grundformen ein allmählicher Wandel voll-zieht. Dies aufzuzeigen, ermöglichen schriftliche Quellen, wie z. B. Inven-tare, Nachlaßverzeichnisse, Štiftungen, Polizeiverordnungen etc.; nochhöher zu bewerten sind die bildlichen Zeugnisse, die im 16. Jahrhunderteinsetzen. So gelingt es, einige Leitlinien der niederösterreichischenTracht durch die Jahrhunderte hindurch zu ziehen, ohne eine ganzeTrachtengeschichte zu geben. Bis ins 18. Jahrhundert hinein herrschtedie Kennzeichnung ständischer Gliederung vor, die auf eine wichtigeFunktion der Tracht hinweist. Erst im 19. Jahrhundert entfaltet sich dieVolkstracht freier, obwohl die ständische Ordnung noch im Brauchnachwirkt. Jetzt stehen dem Forscher eine größere Zahl von literarischenund bildlichen Trachtenzeugnissen zur Verfügung, die bei einer genauenInterpretation einen großen Aussagewert haben. In den Männertrachtentritt neben der„ Stiefelhosentracht" Ost- Niederösterreichs mit dem
178