Geistlichkeit, in deren Seelsorgsbereich die volkstümlichen Wall-fahrtsorte zum größten Teile gelegen waren. Ihre Priester warenvor allem auf dem Lande noch unmittelbar volksverbunden, selbstmehr volksfromme Menschen als distanzierte Theologen. An einemflorierenden Wallfahrtswesen hatten sie nicht nur geistliche, son-dern auch höchst wirtschaftliche Interessen.
Daß der neue Brauch vom einfachen Volke oder, wie MaxRumpf sagt,„ vom gemeinen Volke" 11) gerne aufgenommenwurde, ist nicht weiter verwunderlich. In der geopferten Wachs-figur erkannte der Wallfahrer sein plastisches Bild, auf der Votiv-tafel sein malerisches. Zur Verdeutlichung wurden zuweilen überdie knienden Votanten, wenn es sich um ganze Familien handelte,sogar ihre Namen geschrieben. Zudem bot die malerische Wieder-gabe die Möglichkeit, den ganzen Fall dem Heiligen noch viel ein-gehender vor Augen zu führen. Das Vertrauen in die plastischeForm der Votivgabe blieb dabei trotzdem so groß, daß sie derVotant mitunter in den Händen hält, wie auf einer Votivtafel ausTolentino aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts 12) oder als höl-zerne Plastik dem gemalten Bilde einfügt, wie auf der Votivtafelvon Ammersdorf aus der Mitte des 19. Jahrhunderts 13). DasSchnitzwerk ist in diesem Falle dem oberen Bildrande eingefügt,die Lunge ist als Aufhänger für das Bild gearbeitet.
Der Kirche kam es dagegen bei der Propagierung des neuenBrauches in erster Linie auf das Moment der Promulgation an,wobei sie in erster Linie an das Eintragen- lassen der„ Guttat“ indas sogenannte„ Mirakelbuch" zum Zwecke des öffentlichen Ver-kündens von der Kanzel dachte, das sich aber auch auf den Votiv-tafeln und den in kirchlichem Auftrag angefertigten Mirakelbil-dern eindrucksvoll gestalten ließ. Lenz Kriss- Rettenbeck stelltdaher mit Recht dieses Motiv besonders heraus. Nur ging es nichtvom Volke, sondern von der Kirche aus. Denn es sollte ja denRuhm der betreffenden Wallfahrt verbreiten helfen. Die Pflichtzur Promulgation wurde denn auch in Predigt und Unterweisungsehr stark, ja geradezu als heilsnotwendig herausgestellt, so daⓇsie rasch allgemeine Verbreitung fand. Was gelenkte Propagandaerreichen kann, besonders bei der urteilslosen Masse, das habenwir in der politischen Propaganda der jüngsten Vergangenheit inüberdeutlicher Weise erlebt und erleben es noch heute. Auch da-mals war es nicht viel anders. Es kam schließlich so weit, daß derWallfahrer allmählich glaubte, eine Unterlassung der Promulga-tion bzw. des Verkünden- lassens könne eine Wiederkehr des
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11) Rumpf, Religiöse Volkskunde. Stuttgart 1933.
12) Kriss Rettenbeck, Das Votivbild, Abb. 132, S. 109.13) Kriss Rettenbeck, ebendort, Abb. 103, S. 82.