Es handelt sich also nicht um Legenden, sondern um ihre Weite-rungen in der Volkṣerzählung. Als Gattung läßt sich das Legenden-märchen sicherlich schwer definieren; Karlinger hat es in seinem Nach-wort immerhin versucht. Jedenfalls werden auf diese Weise viele( 95)Erzählungen vorgelegt, die bisher im Schatten der Zaubermärchen, derSchwankmärchen usw. eher übersehen wurden. Jede Sammlung, zumalaus Ost- und Südosteuropa, zeigt jedoch, daß gerade diese Geschichtenin reicher Fülle erzählt wurden. Nicht zuletzt sicherlich in Kreisen derKirchen und der Klöster. Karlinger hat selbst, bzw. durch seine Mit-arbeiterin, die verstorbene Thordis von Seuss- Wirwitz, in Klöstern desMittelmeerraumes aufgezeichnet, und zwar, wie die Beispiele zeigen,mit überraschendem Erfolg. Die Dinge mögen dort noch so lebendigsein, daß Karlinger sogar seine Fundorte nicht angegeben hat. DieAnmerkungen versuchen die oft motiv- und problemreichen Geschichtenaufzuschlüsseln. Man merkt deutlich, daß hier noch sehr viel zu tunsein wird. Aber der mit diesem Band gemachte Anfang gibt doch schoneinen sehr guten Eindruck.Leopold Schmidt
Walter Nigg, Felix und Regula. Aneignung einer Legende. 66 Seiten,9 Abb. Zürich 1967, Fretz& Wasmuth.
Das Ansteigen der Legendenforschung bringt offensichtlich aucheine gewisse Nebenliteratur sowohl schöngeistiger wie auch populär-wissenschaftlicher Art mit sich. Vor kurzem ist beispielsweise ein Buchvon Hans Peter Richter erschienen: Jagd auf Gereon. Geschichteund Wanderung einer Legende. Graz- Wien- Köln 1967, eine recht be-merkenswerte Darstellung, die zeigt, was ein Außenstehender, der sichintensiv mit einem solchen Thema befaßt, alles herausarbeiten und inverständlicher Form auch darstellen kann. Walter Nigg dagegennähert sich der Legende vom Standpunkt des christlichen Essayisten.Seine Bände„ Glanz der Legende“ und„ Unvergängliche Legende" sindbekannt geworden. Hier nähert er sich in der gleichen Weise derLegende der Zürcher Stadtpatrone, deren Gebeine zur Zeit Zwinglisaus dem Großmünster entfernt wurden. Nigg widmet den ersten Teilseines dreiteiligen Essays im wesentlichen Zwingli und seiner Zeit, denzweiten der Legende selbst, den dritten einer gläubigen Interpretationund Nutzanwendung für die Gegenwart. Manches daran scheint unsetwas leicht zu wiegen. Das sehr geschmackvoll ausgestattete Büchleinhätte, so will es uns jedenfalls vorkommen, einen etwas befrachteterenInhalt verdient.Leopold Schmidt
Jahrbuch für musikalische Volks- und Völkerkunde. Band 3. Für dasStaatliche Institut für Musikforschung der Stiftung PreußischerKulturbesitz und die Deutsche Gesellschaft für Musik des Orients Glossar ::: zum Glossareintrag Orientsherausgegeben von Fritz Bose. 147 Seiten, mit Bildern und Noten.Berlin 1967, Verlag Walter de Gruyter& Co. DM 38,-.
Das Berliner Jahrbuch ist uns nunmehr seit drei Jahrgängen ver-traut, und man merkt, wie es einem klugen Programm treu bleibt. Esist vor allem der musikalischen Völkerkunde gewidmet, der sich diemusikalische Volkskunde oder Volksmusikforschung ja immer nachbar-wissenschaftlich mitbedienen wird. Auch wenn, wie im vorliegendenBand, hauptsächlich Arbeiten über außereuropäische Völker gebotenwerden, so über Volksmusik in Tibet, in Persien, in Südindien und inArabien, so wird man aus ihnen Anregungen und methodischen Nutzen
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