Die Hirschgeweihe von St. Stephan in Wien
( Mit einer Abbildung)
Von Viktor Flieder
An der Spitze des Wiener Stephansturmes, über den oberstenWimpergen des Helms, waren bis in die erste Hälfte des 19. Jahr-hunderts Hirschgeweihe angebracht. Im Jahre 1779 berichtetOgesser¹), daß unterhalb der Turmspitze an den vier EckenHirschgeweihe eingesetzt seien und sich unweit davon ein Reliefbefinde, das eine Viehweide darstelle. Nach seiner Vermutunghandelt es sich dabei um Erinnerungen an die ehemals in dieserGegend befindlichen Waldungen und Weiden. Darauf führt erferner den noch zu seiner Zeit geübten Brauch zurück, daß amKirchweihfest, das am ersten Sonntag nach Ostern begangenwerde 2), an den von vier Seiten der Türmerstube herausgesteck-ten Fahnen Schafglocken angebracht seien.
Dieselben Angaben über die Hirschgeweihe und das Relieffinden sich bei einem Anonymus vom Ende des 18. Jahrhun-derts 3) und im Werke Hormayers von 18244). Besonders auf-schlußreich aber sind die Angaben von Geusau 5), nach dessenBericht um das Jahr 1551 auf die oberen acht Spitzen des Stephans-turmes Hirschgeweihe„ wider das Einschlagen des Donners" auf-gesetzt wurden, weil man damals geglaubt habe, diese seien Ver-wahrungsmittel gegen den Blitz, da man noch niemals gehörthätte, daß ein Hirsch vom„ Donner" getroffen worden sei. In der
1) J. Ogesser, Beschreibung der Metropolitankirche zu St. Stephanin Wien, 1779, S. 42. Im Jahre 1685 erwähnt bereits J. M. Testarellodella Massa die Geweihe, welche er als Erinnerung an eine ehemaligeJagdgegend auffaßt und die zum Kirchweihfest ausgesteckten Fahnen, diemit an kurzen Ketten befestigten Kuh- und Gaisschellen behängt seien( Wiener Dombauvereinsblatt, 2. Serie, 13. Jg., Nr. 24/25 vom 15. VI. 1893,S. 9).
2) Zur Erinnerung an die Chorweihe vom 23. IV. 1340.
3) Anonym, Die Merkwürdigkeiten des St. Stephansdomes in Wien( 1797) S. 29.
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4) J. v. Hormayr, Wien seine Geschicke und seine Denkwürdig-keiten II, 1, 1( 1824) S. 71 f.
5) A. v. Geus a u, Geschichte der Haupt- und Residenzstadt Wien IV( 1793) S. 182 f.
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