Auch heute kommt wohl jeder Versuch, die Volkskultureiner Landschaft geschichtlich zu erfassen und darzustellen, gele-gentlich wieder zur Gegenwart, im Sinn der Zeit, die der Bearbei-ter selbst bewußt erlebt. Die Querschnitt- Versuche von früher,die ich vorher schon charakterisiert habe, wird man in dieserForm heute wohl nicht mehr wiederholen. Es steht auch keines-wegs so, daß man allen problematischen Versuchen der volks-kundlichen Bewältigung der Gegenwart auch schon ohne weiteresdie Tore der Museen öffnen könnte. Aber um beides handelt essich hier nicht. Es handelt sich vielmehr, um es noch einmal zubetonen, um die Anerkennung des Zeit problems überhaupt, umdie Frage nach der Wichtigkeit der geschichtlichen Folge in derDarbietung unserer Museen. Überblickt man die Bestände dermeisten Sammlungen heute, so wird man leicht feststellen können,daß unsere museale Volkskunde nur einen einzigen Zeitraum er-faßt und darstellt, nämlich die Neuzeit vom 16. bis zum 19. Jahr-hundert. Man mag sich da theoretisch drehen und wenden wieman will, die Erfassung aller anderen Zeiträume ist immer nurTraum und Wunsch geblieben. Die Gerambsche Trachtengaleriein Graz, die mit Rekonstruktionen bekleidete Trachtenfigurinenvon der Urzeit bis zur Gegenwart darbietet, ist im ganzen übrigenSteirischen Volkskundemuseum nicht nachgeformt worden, wederfür die Möbel, noch für die Geräte noch für irgendwelche andereSachgebiete sind gleiche Reihen angelegt worden, sodaß es sichum einen Torso handelt. Es steht eben dort wie anderswo, dieSammlung verfügt an Originalbeständen, wenn man ihre datier-ten Bestände mustert, fast überhaupt nur über Objekte des 18.und frühen 19. Jahrhunderts. Das ergibt aber doch einen bedenk-lichen Kontrast. Es bleibt eben dabei: Die Zeit der Trachtenblüte,der reich bemalten Möbel, sie ist von Anfang an unser Hauptsam-melgebiet gewesen, und alle Mahnungen, nunmehr Erweiterungenund Ergänzungen nach hinten und nach vorn zu versuchen, sinddoch ziemlich fruchtlos geblieben.
Das hängt bis zu einem gewissen Grad auch mit der Stellungder Volkskunde im Gefüge der Geisteswissenschaften zusam-men. 19) Theoretisch ist über die Beziehungen der Volkskunde zurVorgeschichte beispielsweise manchmal viel gesprochen worden,aber praktische Folgerungen haben sich in den wenigsten Fällendaraus ergeben. Nun könnte eine Konkurrenz zur Ur- und Früh-geschichte auf musealem Gebiet ja zweifellos nicht in unserer Ab-19) Leopold Schmidt, Die Stellung der Volkskunde im Gefüge derGeisteswissenschaften( Referat auf dem Internationalen Volkskun-de- Kongreẞ in Arnhem, 1955).
142